DAIM // TAKING OVER

AUSSTELLUNG / EXHIBITION BIS FEBRUAR 2022

Exponate: Wandgestaltung / Bilder / Skulpturen / NFT

Der Urban-Art Künstler Mirko Reisser (DAIM) wurde eingeladen, unsere Ausstellungsräume im Rahmen des Langzeitprojektes
TAKING OVER in Besitz zu nehmen und in einem mehrmonatigen Prozess in ein Gesamtkunstwerk zu verwandeln.

Im Zuge dieses Projektes gestaltete er die Wände, platzierte Installationen im Galerieraum und arbeitete an neuen Bildern für diese Ausstellung. Bis zur Eröffnung am 24.09.21 wurde ein nicht öffentlich zugängliches, jedoch medial vermitteltes Ausstellungskonzept realisiert.

Die prozesshafte Umsetzung wurde vor dem Hintergrund der pandemiebedingten Einschränkungen mit Hilfe medialer Vermittlungsmöglichkeiten dokumentiert.

Link Collection

Wolf Jahn – Buchstaben

Eine Einführung

Wir schauen aus dem Fenster und sehen uns bestätigt. Was da während unserer Bahnfahrt vorbei rauscht, scheint die Wiederkehr des Immergleichen: ein Graffiti neben dem anderen, mal gekritzelt, mal in 3D, fast immer in Reich- und Armweite ihrer Urheber, nur selten in schwindelerregenden Höhen. Und (fast) immer ohne direkt ablesbare Botschaft. Doch damit kündigt sich auch Neues an. Während wir nämlich aus dem Altertum Graffiti aus Bild oder Schrift kennen, denen wir einen unmittelbaren Sinn entnehmen können, dominiert heute der Schrifttypus. Seien wir genauer: der Buchstabentypus. Mehr als mit lesbaren Sinn haben wir es mit wiedererkennbaren Buchstaben zu tun. Aber was wollen sie uns sagen? Und warum gilt es, Buchstaben zu erkennen? Haben wir geschlafen, das ABC der modernen Öffentlichkeit verpasst?

Rollen wir die Geschichte mal ein wenig zurück und bleiben vor gut 100 Jahren stehen. Nun befinden wir uns mittendrin im modernen Babylon und seiner Sprachverwirrung. Wir schreiben die Geburt der modernen Sprachphilosophie: Wittgenstein schreibt, dass die Welt ist, was der Fall ist und Magritte macht uns glauben, dass eine Pfeife keine Pfeife ist. Aber schlau war er schon. Denn was der Belgier uns versicherte, war, dass das Abbild einer Pfeife nicht mit ihrem geschriebenen Begriff identisch ist. So ging es weiter und fort und die Sprache wurde zunehmend zum Problem. Mit ihr liess sich nicht mehr sagen, was in der Absicht ihrer Sprecher lag. Ältere erinnern sich heute gewiß noch an Künstler wie Joseph Kosuth. Minutiös belehrte er uns etwa via realem Gegenstand, seinem Bild und seiner lexikalischen Definition über die Tücken eines lapidaren Alltagsobjekts wie dem eines Stuhls. Es macht schon einen Unterschied. ob wir diesen nur sehen oder wissenschaftlich-lexikalisch definieren. Kosuth sezierte Sprache, zerlegte sie in ihre einzelnen Aspekte, um sie seinem Publikum als pädagogisch wertvolle Einsicht mitzuteilen.

Was Magritte und später auch Kosuth didaktisch vorführten, die nicht existente Deckungsgleichheit von Wort und Bild, hatte seine Anfänge bereits im Dadaismus, in Schwitters Ursonate und anderen künstlerischen Lautgebaren. Mit ihnen ging der Glaube an die Sprache verloren, an den Sinn, den sie vermitteln sollte und wollte. Lieber lautmalerische Töne von sich geben als dem gewohnten Sprachduktus folgen. Kann konventionelle Sprache artikulieren, was wir meinen, ausdrücken oder formulieren wollen? Der Glaube an diese Möglichkeit war tief erschüttert, sodass Geräusche, etwa bei den Futuristen, und andere hörbare und nicht-sprachliche Artikulierungen zunehmend an Attraktivität gewannen. Der Ton macht die Musik, nicht die Sprache den Sinn.

Aus was aber setzt sich Sprache zusammen, wenn nicht aus Buchstaben? Und wen trifft die Schuld, wenn Worte nicht mehr ausdrücken, was sie mitteilen sollen? Wenn die Absicht nicht mehr über herkömmliche Schrift und ihre Elemente artikuliert werden kann? Möglicherweise sind es die Elemente der Schriftsprache, ihre Buchstaben, die dem Sinn der Intention Widerstand leisten. Diese Möglichkeit lässt sich dem Erbe des 2010 verstorbenen amerikanischen Künstler Rammellzee entnehmen. Wie bereits vor ihm der französische Philosoph Jean Baudrillard hinsichtlich des modernen, im New York der 1970er Jahre anzutreffenden Graffiti von einem Aufstand der Zeichen sprach, so ging auch Rammellzee von einer ähnlichen Annahme aus: von ehedem versklavten Buchstaben, die mit dem neuen Graffiti den Aufstand erprobten. „Auf dem Weg zur Freiheit“ mussten sie „an ihren Enden (Pfeile) ausprägen, bevor sie wirklich frei tanzen können.“ Buchstabe um Buchstabe kommen wir damit unserer anfänglichen Frage näher, warum aktuelle Graffiti so buchstabenlastig sind. Und vielleicht auch, warum sie uns so verdreht, verzerrt und manieriert daherkommen, als würden sie tanzen.

Wie viele andere Künstler, besitzt auch Mirko Reisser einen Künstlernamen. Er setzt sich aus vier Buchstaben zusammen, einer Schale aus zwei Konsonanten und einem Kern aus zwei Vokalen: DAIM. In zahlreichen seiner großflächigen Wandbilder, kleineren Tafelbilder, aber auch in Plastiken aus Holz oder Pappe bauen sie sich explosionsartig auf, um so schnell wieder zu verschwinden wie sie gekommen sind. Sie verdichten sich zur realen Körpern, dreidimensionalen Objekten, um dorthin zurückzukehren, von wo sie gekommen sind: aus der Fläche in die Fläche. Wir müssen bei DAIM nur von links nach rechts „lesen“, um diese kurzfristigen Realisierung seines Künstlernamens zu erkennen. Sie gleicht einer dreidimensionalen Materialisierung aus der zweidimensionalen Fläche, bekanntlich auch die Domäne der Schrift. Aus Buchstaben werden Körper, Ich-Wesen und Ich-Komponenten. Was unser bürgerlicher Namen nicht imstande ist zu leisten, unsere Herkunft zu benennen, gelingt unserem Künstlernamen. Er kommt und vergeht dort, wo Buchstaben sind, bevor sie auf Erden tanzen, explodieren oder sich anderweitig bewegen. Unser Ich gleicht einem Feuerwerk, das erst in seiner irdischen Existenz Farbe bekennt. Und jetzt setzen wir uns nochmal in die Bahn, fahren zurück zum Start und schauen dem Feuerwerk da draussen zu.



Kleiner historischer Nachtrag:

Im 18. Jahrhundert zählte Giovanni Battista Piranesi mit zu den bekanntesten Architekten, die Architektur weniger realisierten, vielmehr in permanenter Auseinandersetzung mit der Antike auf Papier neu entwarfen und weiterentwickelten. Es war eine reine, auf Papier gezeichnete Architektur. Piranesi verlieh dieser „geschriebenen“ Architektur u.a. dadurch Ausdruck, dass er die Initialen seiner eigenen Schriften als steinerne Manifestationen von Buchstaben entwarf. Zweidimensionale Zeichen verwandelte er in dreidimensionale Objekte. Dass Mirko Reisser seine Buchstaben u.a. als räumliche Schrift auf existenter Architektur verwirklicht verleiht dieser Geschichte von Schrift und Architektur eine besondere Note. So wird Piranesis Alphabet wieder auf real gebaute Architektur angewandt, ohne dabei ihren geschriebenen, ihren „ephemer-papiernen“ Charakter zu verlieren.

Wolf Jahn, Juli 2021

​Die Veranstaltung richtet sich gleichzeitig an Kunstinteressierte, wie an Personen, die im weitesten Sinne der Welt der Architektur zuzurechnen sind. 

Ziel ist es, einen ermunternden Diskurs zu fördern, der die Einbeziehung von künstlerischen Beiträgen in die Planung von baulichen Maßnahmen anregt und aufzeigt.​

In diesem konkreten Fall soll exemplarisch gezeigt werden, welche großartigen Möglichkeiten sich durch die Zusammenarbeit mit DAIM bieten.​

Ergänzend ist ein ausstellungsbegleitender Katalog erschienen, über die MATTERPORT Platform ist ein virtueller Rundgang möglich und es ist ein rein digitales Kunstwerk, ein Non-Fungible-Tokens (NFT), entstanden.

Angewandte Kunst und Architektur

Vermutlich reicht die so genannte angewandte Kunst viel weiter in die Bereiche unseres täglichen Lebens als die schönen Künste. Sie umgibt uns ständig in Form der Dinge, die wir benutzen, beispielsweise in Design und Architektur. Dabei ist sie zuständig für das Mehr, also das, dessen es nicht unbedingt bedurft hätte, um das Instrument, das Gebäude, oder was auch immer, benutzen zu können. Es hat also mit einem gewissen zusätzlichen, über das Notwendige hinausgehenden Anspruch zu tun, wenn bei einem Projekt die angewandte Kunst eine besondere Rolle spielen soll.



Diesem Aspekt wurde hier im Rahmen dieser Ausstellung mit Mirko Reisser (DAIM) exemplarisch Raum gegeben. Dieses Projekt – und die zahlreichen weiteren Beispiele, die sich in diesem Katalog finden lassen – zeigen beeindruckend, welch eine großartige Wirkung mit Kunst zu erzielen ist und welche zusätzlichen Möglichkeiten sich grundsätzlich bieten, einem Bauwerk etwas Eigenes mitzugeben.



Nicht nur, dass die Architektur damit auffällige farbige oder formgebende Veränderungen erfährt, nein, sie verweist darauf, dass hier ein dezidierter, gestalterischer Wille nach mehr strebt. Sei es eine Haltung, die der Auftraggeber auf diese Weise deutlich machen will, oder einfach eine Steigerung der Aufmerksamkeit, die eine räumliche Situation oder ein ganzes Gebäude auf sich zieht.



Welche Motivation letztlich auch dazu geführt haben mag, zusätzliche Gestaltungsmöglichkeiten heranzuziehen, es darf eine Reaktion beim Betrachter erwartet werden. Diese, und das kann regelmäßig beobachtet werden, wird mit den Urhebern in Verbindung gebracht. Wobei hier ausdrücklich der Plural benutzt werden darf, denn es handelt sich in Fällen wie diesen um eine kollektive Leistung.



Der Beitrag des Schöpfers, also in diesem Fall des Künstlers, ist unumstritten und gesetzt. Allerdings tritt hier ein weiterer Akteur hinzu. Der Auftraggeber steht dabei an allererster Stelle bei einem Projekt, wo neben guter Architektur auch die Kunst eine wichtige Rolle spielen soll. Es fängt meist ganz harmlos mit dem hier eingangs beschriebenen Willen nach dem Mehr an. Es soll also etwas entstehen, was sich absetzt und unterscheidet von Vergleichbarem. Ein eigener Charakter, oder etwas Unvergessliches soll das Projekt individualisieren und für Präsenz in den Köpfen des Betrachters, bzw. Nutzers sorgen.



Wie auch immer das Projekt nach dieser grundsätzlichen Entscheidung nun Fahrt aufnimmt und die durchaus vielfältigen Möglichkeiten des Gestaltens sondiert werden, es wird bis zum glücklichen Abschluss eine kollektive Leistung bleiben. Wenigstens vom Bauherrn und Künstler, oft aber auch unter Einbeziehung eines erfahrenen Beraters, und mitunter weiterer mitdenkender Planer. Für diese unterstützenden Positionen gibt es keine universell gültige Fügung, da das stets vom jeweiligen Projektcharakter abhängt. In der Regel dürfte aber natürlich auch der Architekt, der quasi selbst im Bereich des Angewandten tätig ist, eine tragende und fruchtbare Rolle spielen.



An dieser Stelle gilt es im Sinne eines erfolgreichen Gestaltungsprozesses, einen respektvollen Dialog zwischen den Akteuren zu pflegen, da es das gemeinsame Ziel sein muss, dass sich Architektur und Kunst ergänzen, gegenseitig unterstützen und letztlich in der Wahrnehmung steigern. Bei der zu wahrenden Balance geht es tatsächlich nicht um Volumen und Kosten, sondern darum, dass die jeweils wichtigen künstlerischen und architektonischen Akzente richtig gesetzt werden.



Am gelungensten, und damit am überzeugendsten, sind in der Regel die Konzepte, die nicht auf eine einfache – und leider so oft erst nachträglich hinzugefügte – Applikation von schmückenden Akzenten setzen. Die vielfältigsten, und oft die besten Chancen auf ein gelungenes Projekt haben die Konzepte, die rechtzeitig alle sinnvollen künstlerischen Optionen und technischen Möglichkeiten prüfen und abwägen. Im Zentrum dieser Vorbetrachtung sollte ein gemeinsam abgestimmtes Ziel definiert worden sein. Allen Beteiligten muss klar sein, welches Ziel mit diesem Mehr verfolgt werden soll.



Als besondere Chance bei Bauprojekten mit einem solchen Anspruch bietet sich ein frühzeitiger Einstieg in die entsprechende Planung. So können rechtzeitig bauliche Situationen genutzt, mitgeplant oder geschaffen werden, die eine optimale Integration der Kunst in das Bauwerk sicher stellen. Und das nahezu ohne Umplanungsaufwand, erhöhte Baukosten und zusätzliche Terminfragen. Im Gegenteil, auch wirtschaftlich bietet die Implikation von Kunst positive Aspekte, da sowohl die Attraktivität für die Nutzer als auch die Bewertung der Immobilie selbst positiv beeinflusst wird.



Die Ausstellung „TAKING OVER“ von Mirko Reisser (DAIM) und die in diesem Katalog dokumentierten Beispiele sollen hierfür stellvertretend ermutigen, diese Möglichkeiten bei zukünftigen Projekten mitzudenken.



Peter Borchardt, August 2021