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Trak Wendisch  
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'dichotomie'

04.11.11 - 11.02.12 
BILDER UND INSTALLATIONEN

Wolf Jahn, Einführung in die Ausstellung:

"Für erste Annäherungen an die Kunst gibt es bekanntlich mehrere Optionen. Die stilistische zum Beispiel. Dann ist die Rede von barock aufgeladenen, minimalistisch reduzierten oder postmodern eklektizistischen Kunstwerken. Als populär und bis heute noch gut im Sprachgebrauch verankert erweist sich darüber hinaus die formale Annäherung an die Kunst in Form einer ersten fundamentalen Unterscheidung. Diese hat sich vor allem im 20. Jahrhundert die Pole-Position im Wettbewerb um die Gunst der Kunstbeschreibung erobert. So wie Gott im Anfang Licht und Finsternis schied, so unterscheidet diese zwischen den primären Grundkategorien figürlich-abstrakt oder gegenständlich-ungegenständlich. Und sofort wissen wir - der gemeinten Kunst noch fern - was uns erwartet. Figürlich klingt vertraut, nach „Da kann man wenigstens etwas erkennen”, abstrakt nach „Weiß nicht was das bedeutet” oder in gesteigerter Form nach „erhaben, da kann man auf die Knie gehen und in kontemplativer Stille erstarren.”

Mit diesem Kunst-Vokabular im Hinterkopf nähern wir uns nun der Kunst von Trak Wendisch. Ich schlage vor zunächst jenen geometrischen Körpern, rechtwinklig organisierten, nach allen Seiten hin offenen Kästen, in deren Inneren sich ein Netzwerk an Fäden spinnt, nicht gleichmäßig verteilt, sondern zu Clustern verdichtet. Und wenn wir uns dabei der Kunst von Trak Wendisch vor der Jahrtausendwende erinnern, sind wir geneigt die abstrakte Wende des Künstlers in diesen Kästen zu erkennen. War sein Werk ehemals auf die menschliche Figur, expressiv und mit inneren Spannungen versehen ausgerichtet, scheint es sich hier ganz in die Dömäne des Abstrakten verzogen zu haben. Von Figürlichkeit keine Spur mehr, stattdessen eigenartig abstrakt zusammen- wie auseinandergezogene Gebilde im rahmenden Raum einer geometrischen Konstruktion.

Denkbar bei einer ersten Einschätzung des Werkes von Trak Wendisch wäre allerdings auch die stilistische Variante. Ihr gemäß handelte es sich bei dem Künstler dann um einen Schaffenden, der seinen Stil im permanenten Stilbruch findet. Immer wieder Neues schaffen bedeutet nicht den einmal gefundenen Formenkanon auszubauen, vielmehr die immer wieder kehrende tabula rasa zu ermöglichen. Nichts darf stilistisch dem folgen was schon einmal gewesen war. Das berühmte Motto des „anything goes” wird dann zum Leitmotiv künstlerischen Gestaltens.

Die Grenzen einer formalen oder stilistischen Einordnung sind jedoch eng und im Fall des Werkes von Trak Wendisch noch dazu unerheblich. Ausser einer rein oberflächlichen Klärung helfen sie nicht weiter. Für sein Werk verrichten sie ihren Dienst weder als Grenz- noch als Markierungssteine, weil sie ausser einer Formalie nichts weiter benennen. Ich nehme daher gerne den Titel der Ausstellung - Dichotomie - auf, um mich von einer anderen Seite den Bildern und Objekten des Künstlers zu nähern. Dichotomie meint ja die Aufspaltung, die Aufgliederung eines Ganzen in zwei sich nicht deckende Gegensätze bzw. Begriffe, die sich gegenseitig ausschließen. So gesehen ist auch ein Gegensatzpaar wie figürlich-abstrakt dichotom. Doch im Falle von Trak Wendisch wirkt es veraltet und verbraucht, statt der Annäherung an seine Kunst dienlich.

Bleiben wir deswegen erst einmal bei den beschriebenen Kästen von Trak Wendisch. Bereits seit mehr als einem Jahrzehnt baut der Künstler Objekte wie diese, spinnt und zieht in ihnen eine Vielzahl an Fäden, die mal parallel zueinander verlaufen, das andere mal sich wie hier zu Knoten und Tropfen verdichten, und die schier ins Endlose verlaufen würden wäre da nicht der metallene Rahmen, der sie trägt und ihnen ihre Grenzen aufweist. Es ist nicht einmal ersichtlich ob diese Rahmen wirklich Teil des Kunstwerks sind. Vielleicht stellen sie nur eine andere Form eines Podestes oder Sockels dar, um die Gespinste vor dem Absturz zu bewahren. Denken wir uns diese tragenden Körper weg sehen wir vor unseren Augen im Raum frei schwebende Objekte, Verdichtungen von Fäden zu einer Masse, die ihre eigene Gravität erzeugt und wortwörtlich alle Fäden auf sich zieht. Und natürlich erkennen wir in diesen Anballungen fast eindimensionaler Fäden auch uns vertraute Bilder, Nervenbahnen zum Beispiel, grafische Darstellungen von Nervenzellen, die in der Animation populär naturwissenschaftlicher Dokumentationen immer so schön blinken, als herrsche in ihnen ein großes Verkehrsaufgebot. Assoziationen wie diese haben sogar einige Berechtigung, zumal von Trak Wendisch Zeichnungen mit Titeln wie „Venenbaum” oder „Nervenbündel” existieren, die ähnliche Strukturverläufe wie in den erwähnten Kästen aufweisen. Dennoch, Modell- oder Illustrationscharakter haben Wendischs Arbeiten nicht. Wir blicken hier nicht in Dioramen eines naturkundlichen Museums. Stattdessen sehen wir vor uns Gebilde, die sich nicht in das gängige Angebot von figürlich oder abstrakt fügen. Wenn überhaupt dann sind sie beides, figürlich und abstrakt.

Wer ein wenig in der Kunstgeschichte bewandert ist, den erinnern diese Objekte an Kunstwerke aus der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ich denke an Giacomettis berühmte Nase, dieser mit dem Riechorgan eines Cyrano de Bergerac versehene Kopf, der in der Mitte einer geometrischen Raumkonstellation hängt oder an weitere Arbeiten des Schweizers. Giacometti aber war nicht der einzige, der seine Motive in solch tragende Gerüste eingebaut hat. Denken Sie an die Bilder eines Francis Bacon, an seine Porträts. Etliche seiner Männerstudien zeigen diese innerhalb einer vergleichbar geometrischen Konstruktion. Obwohl sie gelegentlich auf Stühlen sitzen oder auf dem Boden liegen werden sie ein weiteres Mal durch diesen virtuellen Raum getragen, der sie aber ebenso gefangen hält.

Es mag mehrere Gründe für diese Raumkonstruktionen im Kunstwerk geben. Einer könnte Einsteins Relativitätstheorie liefern, die das bislang gültige statische Weltbild jäh zusammenbrechen ließ. Sein fließender Zeitraum aber auch die Erschütterungen durch die beiden Weltkriege haben dem Menschen gleichsam den als sicher verbürgten Boden unter den Füßen weggezogen. Er bedarf einer Konstruktion, einem Halt, der wie labil und virtuell auch immer, einen Rahmen seiner Existenz setzt. Im Falle von Trak Wendisch könnten wir ein wenig weitergreifen, von Einsteins Erkenntnissen auf jüngere Theorien über das Universum schließen. Die Stringtheorie etwa sieht den Kosmos in seinen fundamentalen Bausteinen nicht punktuell durch Elementarteilchen organisiert, stattdessen von eindimensionalen Fäden durchwoben, die wiederum zweidimensionale Weltflächen erzeugen. Ich bin kein Physiker und auf diesem Gebiet deswegen auch nur spekulativ und assoziativ unterwegs. Dennoch fordern Gedanken wie diese die klassische Mikro- Makrokosmostheorie erneut heraus. Wenn wie auch immer geartete Fäden den innersten Zusammenhalt des Kosmos garantieren, dann vermögen sie auch im Großen und Ganzen ihre Wirkung zu entfalten. Um eine Dimension weitergedacht, und auf die Maße des Menschen reduziert, hieße das, dass auch im menschlichen Mikrokosmos ein Netzwerk an Fäden zugange ist, das seinen äusseren physikalischen Körper zusammenhält. Unter dieser Perspektive besehen erweisen sich die Kastenobjekte von Trak Wendisch als keineswegs abstrakt, vordergründig aber auch nicht als figürlich. Sie fallen in eine andere Dichotomie, die eher an die alte Gegensätzlichkeit von Leib und Seele erinnert. Mit „Leib” wären sozusagen die klassischen, expressiven Figuren von Trak Wendisch beschrieben, mit „Seele” diese neuen kastenförmigen Objekte, in denen sich Fäden durchkreuzen und zu Clustern verdichten. Allerdings ist fraglich, ob für letzteres der metaphysisch überhöhte Begriff der Seele genügend interpretatorischen Rückhalt liefert. Ich glaube eher nicht, möchte ihn aber mangels einer Alternative beibehalten. Was Seelen in unserem heutigen Verständnis nicht mehr besitzen ist ihr Anspruch auf Unsterblichkeit. Ob kosmische Weltseele oder menschliche Indivudalseele: auch sie kennen ihre Zeit, ihre Geburt und ihren Tod. Seelen sind vergänglich und deswegen mit der alten Seelenvorstellung als der von Ewigkeit zu Ewigkeit wandernde Geist inkompatibel. Was den Begriff der Seele aber auch heute noch aktuell macht, ist ihr Bild von der Belebung. Stirbt der Mensch, entweicht die Seele heißt es. Er hat seinen Geist aufgegeben. Das Leben ist erloschen, da sein Motor, die Seele den Leib verlassen hat. Wir können darüber nur spekulieren. Doch dass den Menschen, das Lebewesen allgemein etwas belebt, was für ihn unsichtbar oder anders ausgedrückt abstrakt ist, bestätigt unsere alltägliche Erfahrung. Wo diese Seele haust können wir nur grob benennen. Irgendwo in uns und gleichzeitig überall. Noch haben wir keine Seelenkammer gefunden. Aber wir wissen, dass in uns tausende von Bahnen wachsen, absterben, sich neu generieren und wieder verschwinden, in denen uns belebende Informationen zirkulieren, Informationen von aussen wie von innen. Manchmal auch todbringende Informationen. Vielleicht ist unser Bild von der Seele zu sehr mit dem vom metaphysischen, ewigen Leben infiziert. Kann es sein, dass die Seele nicht nur über das Leben, sondern auch über den Tod inklusive ihres eigenen bestimmt? Dass sie wesentlich weltlicher agiert, mit kräftigen Farben ausgestattet wie antike Skulpturen, mit Höhen und Tiefen, in Abgründen und Aufstiegen? Auch hierüber können wir nur spekulieren. Nicht aber darüber, dass unser inneres Netzwerk aus unzähligen Nervenbahnen, Meridianen und Kanälen dieser unbegreiflichen Seele die Infrastruktur unseres Körpers liefert, in der sie auch agiert und zirkuliert. Trak Wendischs Kastenobjekte nähern sich dieser Infrastruktur ein wenig an, nicht abbildend im physikalischen Sinne, eher in ihrem sich selbst generierenden Modus. Wir haben es nicht mit einer Visualiserung der Seele zu tun, eher mit einem sehr weltlichen Formgefüge, in dem sich Leben und Tod auf der mikrokosmischen Ebene organisieren. Diese Kästen hinterlassen deshalb den Eindruck moderner Reliquienschreine. In ihnen präsentieren sich nicht die Gebeine Verstorbener, Reste eines toten Leibes, stattdessen virtuelle Überbleibsel von Spuren einer geistig-dynamischen Organisation der Körper."




















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