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'CROY'

3. September - 16. Oktober 2004 

Rede zur Eröffnung
von Nicole Büsing und Heiko Klaas

Eine menschenleere Schwimmhalle. Türkisfarben glänzt die Wasseroberfläche, diffus zeichnen sich die schwarzen Markierungslinien der einzelnen Bahnen ab. An der Stirnseite eine Fensterfront mit Graffiti, hinter denen die gleißende Sonne scheint. Hier denkt man nicht an olympische Disziplinen, vielmehr an ein Vorstadtbad, das vielleicht von der Schließung bedroht ist. Eine Badeanstalt am Stadtrand, wo morgens einsame Rentner ihre Bahnen ziehen und sich nachmittags einige Kids im Turmspringen üben. Aber wahrscheinlich gibt es gar keinen Sprungturm, sondern nur ein ordinäres Einmeterbrett. Doch von all dem ist auf dem Acrylgemälde von Markus Willeke ja gar nichts zu sehen. Die Wasseroberfläche ist unberührt, der Pool wird nicht genutzt, vielleicht jetzt gerade nicht, vielleicht auch nie mehr. Es ist die nüchterne Zustandsbeschreibung eines symmetrischen Raumes, dessen Funktion ebenso klar ablesbar ist wie seine Architektur. Die farbigen Graffiti bedeuten jedoch einen Bruch. Hier hat etwas Einzug gehalten, das die cleane Oberfläche des coolen Pools in Frage stellt. Ein Hauch von Subkultur, eine Eroberung des Stadtraums, ein unaufgeforderter Kommentar. Oder einfach nur monumentale Malerei, die sich jenseits des exklusiven Kunstbetriebs behauptet und sich an alle Betrachter - ob freiwillig oder unfreiwillig - wendet. Der Fotograf Brassai, der im Paris der 30er Jahre die Graffiti an den Hauswänden mit der Kamera festhielt, schrieb 1933 in der Surrealistenzeitschrift Minotaure: "Die Bastardkunst der verachteten Straßen wird ein wertvoller Prüfstein. Ihr Gesetz ist verbindlich, es stellt all jene mühevoll eingerichteten ästhetischen Systeme auf den Kopf."

Die Sprayer selbst bezeichnen ihre Werke übrigens als "Pieces" für größere Gemälde oder “Tags" für Schriftzüge mit wiedererkennbarem Signaturcharakter. Den Ausdruck “Graffiti" vermeiden sie. In Berlin, wo Markus Willeke jetzt lebt, findet man an den Brandmauern, Fassaden und Lärmschutzwänden der S-Bahn überall solche Graffiti, viel mehr als in Münster, wo er studierte.

Markus Willeke blickt häufig über die Ränder der konsensfähigen und etablierten Hochkultur hinaus. Seine Motive kommen oft aus der Populärkultur, dem Comic und dem Kino. Die verfremdeten, aber doch beim genaueren Hinsehen wiedererkennbaren Figuren sind Mutanten, Killer, Outcasts, Desperados und manchmal etwas unappetitlich daherkommende Monstergestalten. Versatzstücke der amerikanischen Alltagskultur wie ein harmloser gelber Schulbus oder die erst auf den zweiten Blick erkennbaren, charakteristischen Konturen der Zeichentrickfamilie “The Simpsons" tauchen ebenso auf wie das grünliche Monster aus dem Flugzeug-Horrordrama "Hulk". Trash und Science Fiction sind hier die Stichworte, scheinbar Banales, Erkennbares und latent Bedrohliches begegnen sich auf der Leinwand. Das vertraute Bildrepertoire seiner Generation eben.

Doch das ist nicht alles, worum es in den großformatigen Gemälden Markus Willekes geht. Betrachtet man sich einmal genauer die Machart der Bilder, so fällt auf, dass hier mit extrem verdünnten Acrylfarben gemalt wurde. Aquarelle auf Leinwand gewissermaßen. Der Effekt ist ganz offensichtlich: Farben fließen ineinander und verlaufen, es entstehen Farbschlieren, Farbrinnsale und Farbschleier. Gegenstände und Personen scheinen zu flimmern. Aggregatzustände geraten in einen Strudel der Instabilität. Motive wie ein knallorangefarbener Ford-Granada, ein Kultauto im 70er Jahre-Schick, werden mit wenigen Farbflächen präzise auf die Leinwand gebracht. Fast schon als abstrakte Komposition und dennoch mit bestechendem Wiedererkennungswert erscheint die breite Hinteransicht des szenigen Retro-PKW auf seiner Fahrt durch die dunkle Nacht. Oder poppig-farbige Vorstadthäuser im South-Park-Look, die weniger gemütliche Heimeligkeit, als vielmehr eine leise und subtile Bedrohung ausstrahlen. Hinter den aufgeladenen Motiven und verführerischen Oberflächen Willekes scheinen Geschichten des Grauens auf: Familiendramen, Horror, Gewalt, Unheil. Doch wie ein guter Horrorfilm-Regisseur es tun sollte, deutet auch Willeke das Grauen meistens nur an, ohne es explizit zu zeigen. Suspense statt Plakativität eben. Malerische Reflexe auf das, was Fernsehbilder, Internet, Medien, Kinofilme und Trashromane tagtäglich vermitteln.

Jeder kennt aus Kriminalfilmen die aus Zeitungsschnipseln zusammengeklebten anonymen Erpresserbriefe mit Lösegeldforderungen, einem Ort der Geldübergabe und der Warnung: Keine Polizei. Willeke bläst das Motiv des Erpresserbriefs auf und verwendet es in seinen Gemälden. Deutlich sichtbar sind die Einflüsse der Metropole New York und der Filmstadt Los Angeles, wo Markus Willeke 2002 während eines Arbeitsstipendium der Stiftung Kunst und Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen lebte. Der 1971 in Recklinghausen geborene Maler studierte von 1992-2000 an der Kunstakademie Münster und lebt jetzt wie eingangs erwähnt in Berlin.

Seit er den Ort gewechselt hat, malt er in größeren Formaten. Graffiti, die er in seiner Berliner Umgebung findet, tauchen als Versatzstücke auf. Mit dieser Haltung, die Kunst der Straße zu adaptieren und in den Kontext der “Hochkultur" zu überführen - schließlich befinden wir uns hier in einer Galerie und nicht in einem U-Bahn-Tunnel - reiht sich Willeke ein in die malerische Tradition der 80er Jahre, wie sie durch Keith Haring, Kenny Scharf oder Jean-Michel Basquiat verkörpert wurde. Auch der Titel der Ausstellung hier in Hamburg "Croy" ist ein Begriff aus einem im Stadtraum gefundenen Graffiti. Wir lesen es spiegelverkehrt auf dem Schwimmbadbild. Die schnelle und doch präzise Arbeitsweise der Graffiti-Sprayer, die an S-Bahnstrecken und Häuserfassaden aktiv sind, findet den Respekt von Markus Willeke. Auch seine eigene Arbeitsweise ist beschleunigt. Viele Bilder entstehen auf dem Boden liegend in einem einzigen langen Arbeitsgang wie ein großes Aquarell. Die nasse Leinwand saugt die Acrylfarbe auf, Schlieren und Verwischungen entstehen - ein charakteristisches Willeke-Gemälde. Korrekturen sind bei dieser Technik des lasierenden und transparenten Farbauftrags der Nass-in-nass-Malerei natürlich nicht mehr möglich.

Seit einiger Zeit hat er auch Tätowierungen als Motive für sich entdeckt. Auf endlosen Internet-Seiten finden sich haufenweise amateurhafte Fotos von stolz präsentierten und grell angeblitzten Tätowierungen. Die breite Rückenansicht mit einem blauen, reichlich verzierten Wikingermotiv, bestehend aus einem Boot, einigen rätselhaften Ornamenten und zwei ineinander verschlungenen Basilisken wird ebenso selbstbewusst zur Schau getragen wie die farbigen Armtätowierungen auf dem Bild links davon.

Eine in Deutschland fast vergessene Comicfigur taucht auf Willekes Gemälde "Surfer" von 2004 auf. Etwas verloren steht sie da, das Surfboard aufgerichtet in der Hand, in einer orangefarbenen Dschungellandschaft und blickt auf den Betrachter. Der “Silberstürmer", ein heldenhaftes kosmisches Wesen aus einem 60er Jahre-Comic, das auf die Erde verbannt wurde und Raum, Zeit und Elemente mit seinem Accessoire, dem Surfboard, überwinden konnte, verschmiltzt hier mit dem Tarzanmotiv.

Markus Willeke arbeitet in einem Medium, das seit Ende der 80er Jahre und eigentlich die ganzen 90er Jahre hindurch angesichts eines Überangebots an Fotografie, Video- und Installationskunst an den Rand gedrängt wurde. Seit einigen Jahren jedoch beginnt sich die Malerei wieder selbstbewusst zu behaupten und verloren gegangenes Terrain zurückzuerobern. Junge Maler wie Markus Willeke rekurrieren in ihren Arbeiten auf Phänomene und Alltagsbeobachtungen aus ihrer unmittelbaren Umgebung. Filme, Fernsehen, Musik, Comics, Mode und andere Formen der Populärkultur werden in ihren Bildern zitiert, collagiert oder parodiert. Ausstellungen wie "Painting Pictures" im Kunstmuseum Wolfsburg, "Deutsche Malerei 2003" im Kunstverein Frankfurt und "Liber Maler, male mir" in der Frankfurter Schirn Kunsthalle sorgten gerade im letzten Jahr für eine erhöhte Aufmerksamkeit. Markus Willeke reiht sich mit seinem unverwechselbaren und sehr eigenständigen malerischen Vokabular in dieses Umfeld perfekt ein.



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