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Udo Noeger
 




'Me water'

Licht-Schatten-Objekte
23.03. - 05.05.2001

Mit Udo Noeger setzen wir unsere Ausstellungsreihe neuer Kuenstler mit neuen Themen fort. Er hat sich besonders durch seine zahlreichen internationalen Ausstellungen und Messebeteiligungen einen Namen gemacht - vor allem in den USA.

Das ungewoehnliche, und gleichzeitig spannende an seinen Arbeiten ist, dass die Malerei hinter der Leinwand stattfindet. Was der Betrachter durch die halbtransparente Leinwand wahrnimmt, ist das indirekte Spiel von Schatten und Reflexion. Dieses verleiht den auf den ersten Blick fast weiß erscheinenden Arbeiten eine meditative Atmosphaere, deren sugestive Intensitaet sich mit der Dauer der Betrachtung erschliesst und steigert.

Mal sind es geometrische Formen, mal freie malerische Strukturen. Der souveraener Umgang mit Licht und Raeumlichkeit charakterisiert das malerische Werk von Udo Noeger. In seinen sinnlichen, subtil abgestuften Gemaelden geht Noeger den Grundbedingungen der Malerei nach. Mit feinem kuenstlerischen Gespuer erforscht er die Facetten des Zusammenspiels von Licht, Farbe und Raum. Die schwebend wirkenden Bilder schildern keine fertigen Zustaende, sondern stellen offene, dynamische Beziehungssysteme dar, die keiner unmittelbaren Funktion dienen. Der kommunikative Diskurs innerhalb der einzelnen Bildelemente, wie auch zwischen Bild und Betrachter, loest sich nicht zu Gunsten einer finalen Entscheidung auf. Vielmehr wird der Fluss der Dinge und deren permanente Veraenderung wiedergegeben.

Udo Noegers Gemaelde entstehen aus einer wohlbedachten Mischung von Konzept und Intuition, von Rationalitaet und subjektivem Ausdruck. Offen angelegt, ermoeglichen sie dem Betrachter einen reichen Erfahrungshorizont


UDO NÖGER „Wie mit Licht gezeichnet“ von Florian Steininger

Wenn man Udo Nögers Entwicklung in seiner künstlerischen Arbeit seit etwa Mitte der 90er Jahre verfolgt, wird man eine deutliche Wende um 1996/1997 erkennen können. Hat der Künstler zuvor mehr den Schwerpunkt auf das Zeichnerische gesetzt - damit ist ein feinnerviger Strich verbunden, der Formen gleich Cocoons, Äste oder auch menschliche Körperteile generierte - spielte in der Folge das Malerische, die Monochromie, der Raum und das Licht eine gewichtige Rolle. Trotz des scheinbaren Bruchs zwischen den zwei Werkphasen ist aber Verbindendes und Artverwandtes festzustellen.

Im Zeichenvorgang bestimmt die feine, ein wenig zittrig gezogene Linie oder der verdichtete Fleck mit dem Kohlestift das formale Erscheinungsbild der Leinwand- oder Papierarbeit. Die Bildvorstellung ist nur vage festgelegt. Spontan und unmittelbar gibt Nöger die Richtung des Stiftes an, verliert sich im Detail, bevor neue Formstrukturen graphisch markiert werden. Aus dem Arbeitsprozeß heraus entsteht das Bildsujet und nicht umgekehrt, wenngleich die stilistische und thematische Stringenz eines Werkblocks bestehen bleibt. Udo Nögers „geplanter Zufall“ im zeichnerischen Agieren zeigt Parallelen zur Vorgangsweise in der „Ecriture Automatique“ des Surrealismus. Jedoch basiert diese Technik auf dem Unbewußten, um eine konkrete Bildvorstellung vollkommen auszuschließen. Aber auch in diesen Arbeiten sind gegenstandsbezogene Formen, wie zum Beispiel Vogelköpfe, zu lesen. In Jackson Pollocks „Action Painting“ ist im Vergleich dazu die Intensität von Abstraktion größer. Sein unmittelbarer Arbeitsprozeß beruht auf dem spontanen Schütten und Spritzen der dünnflüssigen Farbe - oft in expressiver heftiger Manier. Bei Nöger ist dagegen ein viel zarterer Umgang mit den Mitteln zu bemerken. Entgegen Pollocks extrovertierter Impulsivität, die für den Abstrakten Expressionismus spricht, spürt man beim deutschen Künstler Selbstversunkenheit und Konzentration.

Nögers zeichnerischen Stil, im Sinne des emotional aufgeladenen Schöpfungsaktes, als expressionistisch zu bewerten, wäre unangebracht, jedoch haben seine Bildmotive in ihrem Ausdruck und ihrer Wirkung durchaus Verwandtschaften zu expressionistischen Tendenzen, bei denen nicht der Arbeitsprozeß im Zeichen des Ausdrucks steht sondern mehr die Wirkung des fertigen Bildes auf den Betrachter. Aus den linearen Vernetzungen, mit Punkten und Flecken verflochten, bilden sich Formen heraus, die an Menschliches mit Tierischem und Pflanzlichem verbunden, erinnern. Die konkrete Mimesis der Wirklichkeit liegt Nöger fern. Fragile menschliche Körper werden von spinnwebenartigen Lineamenten eingewoben, Kopfformen gleichen Cocoons, die von astähnlichen Gebilden herabhängen. Sie alle sind mit schwarzen Punkten übersät, die Assoziationen zu Pocken, Narben und Bienenschwärme auslösen. Dieser Deutung entsprechen so manche Bildtitel: „Selbst mit Bienenvogel“, „Bienenkopf“ oder „Verbrannter Kopf mit Schmerzbehältern“. Letzerer unterstreicht die Dimension des Schmerzes und der Verletzung in Nögers Bildsymbolik, die im Expressionismus des öfteren thematisiert wurde: Antonin Artauds geschundene Selbstportraits, Egon Schieles fragile Mädchenzeichnungen oder Oskar Kokoschkas Bildzyklus zum gleichnamigen Drama „Mörder Hoffnung der Frauen“. Im Wiener Aktionismus und in Arnulf Rainers „Face Farces“ wird diese Tradition aus österreichischer Sicht fortgesetzt. Bei Udo Nöger herrscht aber ein deutlich distanzierteres Verhältnis zur Schmerzensthematik vor. Bildtitel, wie „Verbrannter Kopf mit Schmerzbehältern“, verweisen zwar in diese Richtung, die Zeichnung als solche steht jedoch vor der Thematik: Mit ihr erzielt der Künstler Rhythmus, die Vernetzung von Punkt und Linie und die Modellierung zu einer geschlossen Form. In den folgenden Jahren wird man dann einen intensiven Abstraktionsprozeß in Nögers Bildfindungen vorfinden. Übernehmen die graphischen Strukturen, mit dem Kohlestift ausgearbeitet, eine meist formbindende Funktion - Köpfe, Cocoons oder Körperteile werden gestaltet - wird die Farbfläche, aus Acryl oder Mineralöl, sowohl gegenstandsbezogen als ach autonom eingesetzt. Sie füllt einerseits die Form aus, ist also Binnenfläche, andererseits wird die weiße oder gelbliche Farbe frei auf dem Bildträger verstrichen, wodurch malerische Qualitäten erzielt werden.

Diese Selbstreferentialität der gemalten Farbe ist eines der entscheidenden Charakteristika in Nögers Bildern ab 1997. Malerei als Malerei, mit sanften Pinselstrichen definiert, ist Nögers neues Primat. Dennoch bleibt die graphische Struktur bestehen. In keinen seiner Werke führt der Künstler das Bild in die reine Monochromie, in der das Figur-Grundverhältnis zugunsten einer Einheit von Bildmotiv und Bildfläche eingelöst wird. Dieses Phänomen ist in der Malereigeschichte erstmals1921 mit Alexander Rodtschenkos dreiteiligen Arbeit „Reine Farbe Rot, reine Farbe Gelb, reine Farbe Blau“ eingetreten. Maler wie Yves Klein, Ad Reinhardt, Arnulf Rainer, Piero Manzoni, Robert Ryman, Brice Marden oder Joseph Marioni haben sich in unterschiedlichen Positionen der Tradition des monochromen Tafelbildes angeschlossen und neue Bildstrategien entwickelt. Die graphische Struktur auf der meist im transparenten Weiß bestrichenen Leinwandtextur unterscheidet sich grundlegend von Nögers älteren Arbeiten, wo auf der Bildfläche Cocoonformen oder Köpfe mit dem Kohlestift gezeichnet wurden. In den neueren Werken wird die Kontur der Form anders geschaffen. Verwandt mit Lucio Fontanas perphorierten Leinwänden, schneidet Nöger Öffnungen in unterschiedlichen Formen, wie zum Beispiel Stäbe oder Ovale in das Textil. Das Bild verliert seine faktische Zweidimensionalität und das räumliche Dahinter wird in die Bildkomposition integriert. Auf die zerschlitzte Leinwand wird eine zweite aufgespannt, die über den offenen Stellen wie eine Membrane wirkt. Hinter der perphorierten Schichte spannt der Künstler mit Abstand eine dritte Leinwand auf. Das Bild erhält aufgrund seiner kastenartigen Struktur Objektcharakter, bleibt aber dennoch dem Tafelbild verbunden, da die plane Bildfläche aufrechterhalten bleibt und Nögers Arbeiten von vorne, wie bei einem klassischen Bild, betrachtet werden. Außerdem relativieren illusionistische Effekte den Ding-Charakter des Bildobjekts: Die eingeschnittenen Formen - ihre vorgespannte Leinwand ist in Mineralöl getränkt - haben nicht nur eine tatsächliche Tiefe, sondern täuschen ein Pulsieren und Flimmern vor. Entscheidend dafür ist der Lichteinfall, der von den Kammern gespeichert und sogleich wieder nach außen abgegeben wird. In den aktuellsten Arbeiten, wie in „Lichtarena 2“ von 1999, hat der Faktor Licht an Bedeutung gewonnen.

Hat man in den Werken davor die Zäsur von Fläche und Einschnitt, also von Positiv-und Negativform, deutlich erkennen können, wird nun der Übergang weicher, subtiler und atmosphärischer - wie mit Licht gezeichnet. Haben die schwarze Linie, der Körper, die modellierte Form und der Bezug zu Mensch, Natur, Schmerz und Verletzung, Nögers zeichnerisches Werk bestimmt, so mutiert der gezogene Strich in den neuen Werken zur immateriellen luminösen Spur, die des Bild ins abstrakt Metaphysische verwandelt.

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UDO NOEGER
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Biografie
Ausstellung | 01