Logo Galerie Borchardt
Galerie Künstler Ausstellungen Aktuell Kataloge Kunst am Bau
Trak Wendisch
 more




'Cutis et Ossa’

Bronze, Wachs, Papier
  QuickTime Movie
26. Mai - 16. Juli 2000

Ursula Herrndorf: Rede zur Ausstellungseröffnung "cutis et ossa" von Trak Wendisch

Viele von Ihnen werden sich an die Ausstellung vor zwei Jahren in diesen Räumen erinnern. Damals waren hier Skulpturen von Trak Wendisch zu sehen. Monumentale Bildnisse des Menschen zumeist: hoch gestreckte Grazien, die voluminöse Gruppe der Fischträger, ekstatische Tänzer. Vordergründig leicht zu benennende Werke, denen doch das Geheimnis ihres Daseins - verborgen in der verschlüsselten Symbolik und eingekerbt in die entblößten Körper - nur schwer zu entreißen war.

Jetzt sehen Sie sich neuen Arbeiten - Bildern, Skulpturen, Zeichnungen und Reliefs - von Trak Wendisch gegenüber. Neu nicht nur, weil sie alle dem vergangenen oder diesem Jahr entstammen. Neu auch, weil sich der Künstler scheinbar von seinem großen Thema - der menschlichen Figur - abgewendet hat. Und neu vor allem deshalb, weil wohl die Ahnung von etwas schon einmal Gesehenem hochsteigt, das Gedächtnis aber sofort jeden kunstgeschichtlichen Vergleich verwirft. Die Ausstellung ist also in vieler Hinsicht eine Überraschung. "Sie bringt das Unerwartete”. Das sagte Trak Wendisch bei unserem Gespräch in seinem Berliner Atelier über Neue Musik. Auf die Kunst, die derzeit unter seinen Fingern gedeiht, trifft der Satz ebenso zu. Das Unerwartete entstehen zu lassen ist das Streben des Künstlers. Zum einen, weil er aufs Äußerste der einmal gefunden Form misstraut. Zu groß ist die Gefahr der gefälligen Wiederholung. Der Routine, die den Kampf mit den nur schwer herauszuschälenden Wahrheiten eines Gedankens aufgegeben hat. Zum anderen entspricht das Unerwartete der Lebensphilosophie des Künstlers. Trak Wendisch glaubt nicht an die logische Folge von "Wenn, dann”- Beziehungen. Sondern daran, ich zitiere: "dass viele Punkte auf verschiedenen Ebenen wirken, die irgendwann zusammentreffen und schließlich zu einem unvorhergesehenen Ergebnis führen”.

Diesem Wirken verschiedenster Eindrücke, den Gesetzen der Form, des Bildes, des eigenen Rhythmus im Augenblick größter Klarheit zu folgen ist Grundlage seines Schaffens. War es vielleicht schon immer, bloß ist Trak Wendisch jetzt noch unerbittlicher gegenüber sich selbst geworden. Haben frühere Skulpturen noch Assoziationen etwa zum christlichen Mythos, zur Gotik, zum Expressionismus oder zu Giacometti zugelassen, so werden Sie sich heute wahrscheinlich noch nicht einmal auf übereinstimmende Bezeichnungen für die einzelnen Werke einigen können: "Das ist so wie … Wie ein Insekt, wie ein Skelett, wie eine Fruchtkapsel, wie ein Brustkorb?” Am liebsten möchte Trak Wendisch dieses "das ist so wie” überhaupt nicht mehr hören. Nicht aus dem eitlen Wunsch heraus, das Noch-Nie-Dagewesene zu kreieren, sondern um das Bild, die Skulptur vor einem überschnellen Urteil zu bewahren, den innewohnenden Gedanken des Werkes gewissermaßen zu klären.

Jeder Vergleich heißt Festlegung. Alles, was zu direkt ins Auge fällt, verhindert die Wahrnehmung des Subtilen, des Unnennbaren. Diese Arbeiten nun haben sich befreit von Namen und Vorstellungen. Um nun zu verstehen, müssen wir uns ohne Krücken dem Verstörenden, dem Schönen, dem Bedrohlichen und Unbekannten - wohl dem Existenziellen - stellen.

Eine Krücke immerhin gibt es doch. Der lateinische Titel der Ausstellung -"cutis et ossa” - lautet übersetzt "Haut und Knochen”. Er geht auf eine Äußerung zurück, mit der Trak Wendisch seinem Galeristen schnell und unkompliziert sein gegenwärtiges Betätigungsfeld umreißen wollte. Und er trifft die Sache. Wenn auch nicht im umgangssprachlichen Wortgebrauch von abgemagert oder arm. Haut steht hier für eine schützende Membran. Als Metapher für die Schnittstelle von Außen- und Innenwelt, "Knochen” verweisen auf die unsichtbaren Bedingung einer äußeren Erscheinung. Die Bilder - fast schon Reliefs - zeigen beruhigte, annähernd monochrome Flächen. Geschichtet aus einem geschmeidigen, warmen, überaus sinnlichen Material: Wachs. Flüssig aufgetragen, bildet es im wahrsten Sinne eine Haut auf der Leinwand. Durch die transparente Oberfläche schimmern frühere Zustände des Bildes und offenbaren sein Wachstum.

Zugleich scheint sein Wesen wie ein Heiligtum tief in den Wachsschichten verborgen, versiegelt zu sein. Das Auge vermag nicht, bis ins tiefste Innere vorzudringen. Manchmal ist diese Haut verletzt. Rabiate Messerschnitte haben dann die lebendige Bildfläche und selbst den Bildträger – eine sehr grobe Leinwand – durchtrennt. Aus den Wundmalen fließen dunkle Fäden. Wie Blut, wie Haare? So eindeutig brauchen wir es gar nicht zu wissen. Hier wirkt nicht das Offensichtliche, sondern eine geheimnisvolle Mystik. Und deutlich genug spricht in der Sprache der Farbfeldmalerei das Körperliche.

Die Skulpturen dagegen erscheinen gänzlich rätselhaft. Gehören sie der Pflanzenwelt an? Entstammen sie der Erinnerung an vorzeitliche Lebewesen, oder treten hier surrealistische Traumbilder in Erscheinung? Meine Assoziation an vertrocknete Hüllen von Käfern oder auch Früchten lehnte Trak Wendisch ab. Nicht das Tote, die Reste des Lebendigen meint er, sondern eher den Anfang, den Ursprung. "Diese Formen”, so sagt er "sind noch vor-archaisch.” Hoch schrauben sie sich in die Luft, kühn ausbalanciert die Masse, aus der fragilste Strukturen keimen. Und besonders der Blick in ihr Inneres fasziniert. Feinste Verästelungen werden darin sichtbar, Wölbungen, schmale Grate, die nach ganz eigenen Gesetzen wachsen.

Ich brauche Ihnen die Arbeiten nicht weiter zu beschreiben. Sie sehen sie mit eigenen Augen, und jeder wird andere Empfindungen damit verknüpfen. Eines, meine ich, ist deutlich: Trak Wendisch hat sich keinesfalls vom Menschen abgewendet. Er hat jedoch einen anderen Blickwinkel eingenommen.

Wie kam es dazu? Schon vor rund fünf Jahren entstanden erste Zeichnungen, die nicht länger beim äußeren Erscheinungsbild des Menschen verharrten. "Das Äußere interessierte mich plötzlich nicht mehr”, erzählt Trak Wendisch. "Ich hatte keine Lust mehr rauszugehen.” Jetzt schützt er das Privileg, sich den äußeren Umständen gelegentlich zu entziehen. Immer hatten sie existenzielle Macht. Zuerst durch die Politik in Ostdeutschland, wo er aufgewachsen ist, dann durch den erdrutschgleichen gesellschaftlichen Umbruch nach dem Fall der Mauer. In einem hohen Maße empfänglich für die Energien, die ihn umgeben, erkannte er, "dass sich nichts verändert”. Die Hoffnungen, Ängste, Wünsche und Nöte der Menschen in ihrer steten, immer gleichen Wiederkehr gerieten für die Person des Künstlers schließlich zu einer permanenten Bedrängnis. Keine Erfüllung, kein Ausbruch aus dem Kreislauf der Begierden war in Sicht.

"Der Blick auf die Figur war der Blick auf die Welt”, sagt er. ”Jetzt ist die Form innerhalb der Hülle für mich interessant”. Oder die ausschnitthafte Eigenwelt. Der Mikrokosmos, der sich etwa auf ein paar Quadratzentimetern seiner eigenen Hand offenbart. Trak Wendisch nennt es "die Suche nach dem Eigenraum”. Weit davon entfernt, sich einer grüblerischen Innerlichkeit hinzugeben - dazu ist er viel zu energiegeladen - , sucht er doch die Stille. Eine Stille wie nach einem sich mächtig entladenden Gewitter allerdings, in dessen reiner Luft die Moleküle des Lebens sich neu ordnen können. An glücklichen Tagen findet er sie in der Abgeschlossenheit des Ateliers. Dann kann er, nach eigenen Worten, "die Rüstung ablegen” und beginnen, mit dem Zeichenstift oder weichem Wachs den eigenen Rhythmus zu formulieren. Ein Rhythmus aus unbehindert schweifenden Gedanken, Gefühl und dem Einsatz des Körpers. In dieser Bündelung der Leidenschaft liegt, wie ich meine, ein ungeheurer Gewinn. Und die Intensität, die einer solchen Arbeitsweise innewohnt, spricht unmittelbar aus den hier ausgestellten Werken.

© s. Impressum



TRAK WENDISCH
................................

Biografie
Ausstellung | 15
Ausstellung | 13
Ausstellung | 11
Ausstellung | 09
Ausstellung | 04
Ausstellung | 02
Ausstellung 2 | 00
Ausstellung 1 | 00
_ Movie
Ausstellung | 98
Kataloge
Movies
Presse