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Claudia Spielmann
 




'Unsagbar,
von der Wiederkehr des Gefühls'


Arbeiten auf Papier und Leinwand
19. Februar bis zum 9. April 2000  


Anmerkungen zur Malerei von Claudia Spielmann.

I. Die Durchreiche

In Claudia Spielmanns Haus, das betagt ist und etliche Vorbesitzer hatte, gibt es zwischen Küche und Esszimmer eine Durchreiche. Diese Durchreiche ist, wie das übrige Haus, eher unauffällig und simpel-praktisch. Sie ist quadratisch, hat zwei Klapp-Türchen, die mit einem Magnetmechanismus schließen, sowie einen einfachen hölzernen Rahmen. Türen und Rahmen bestehen aus Buchenholz, in dessen Maserung man beim genauen Hinschauen noch winzige Partikel der ursprünglichen Lackschichten erkennen kann. Außerdem Schleifspuren, feine Kratzer und Schabspuren. Hier und da ein brauner Fleck, dort, wo das Holz ein wenig angesengt wurde.

Denn Claudia Spielmann hat irgendwann mal den Lack bearbeitet: mit einer Brennlampe weich gemacht, mit Schwingschleifer und Sandpapier sorgsam abgeschmirgelt. Sie hat dabei Spuren des ursprünglichen Anstrichs (es waren etliche Lackschichten, fast soviele wie Vorbesitzer) stehen lassen: Spuren dessen, was mal war, auch Spuren ihrer Mühe. Mit einem Wort: Patina.

Was ist daran bemerkenswert? Und was hat das alles mit Kunst zu tun? Nichts, jedenfalls auf den ersten Blick. Einiges dann doch - auf den zweiten.

II. Metaphern

Nun ist eine Durchreiche, die das Her und Hin zwischen Küche und Esszimmer erleichtert, eine freundliche Metapher für Austausch und Gastlichkeit - Eigenschaften, die ich, ganz nebenbei gesagt, an Claudia Spielmann mag. Und auch ein Text wie dieser, der Kunst zu erklären sich anheischig macht, will eine Art Durchreiche sein. Auch ein Text will sich bemühen, mit Worten das Her und Hin zwischen Kunst und Verstand zu erleichtern. So wie schließlich auch ein Bild, prosaisch formuliert, gleichsam eine Durchreiche ist: Ein bemaltes Ding an der Wand, ein Fenster zu einer Gefühlswelt; und wenn sich die Türchen öffnen (und bei guten Bildern öffnen sie sich verblüffenderweise und aufregenderweise immer wieder!), empfangen wir Bilder hinter dem Bild, empfangen wir Mitteilungen, die eben nur durch ein Bild zu geben sind. Ein Bild ist ein Bild. Alles andere ist alles andere.

III. Spuren

Nun scheint es, als sei die arme Durchreiche als Metapher und Stichwortgeberin genügend strapaziert. Eine letzte Anmerkung noch dazu - aber vielleicht die wichtigste.

Denn es gibt eine merkwürdige Parallele zwischen der Kunst von Claudia Spielmann und jenem simplen Alltagsding, auf das sie einige Mühe verwendet hat. Bilder und Durchreiche haben gemeinsam, dass Spuren darin eine Rolle spielen.

Spuren, die durch Benutzung, durch die Natur, durch das Leben entstehen, sind für Claudia Spielmann nämlich ein entscheidendes Thema ihrer Malerei.

Es sind, und jetzt möchte ich von den Bildern sprechen, Schleifspuren, Tupfer, Farbverläufe, Schattierungen, Schichten. Es sind feine Kratzer. Wachsflecke, Spritzer von Öl, Acryl, Tusche. Bleistiftkritzeleien, Buntstift-Schnörkel, überraschende Ornamente, die wie Fundstücke in die dann sehr strengen und klaren Bildkompositionen einmontiert sind. Dem Leben nachgezeichnet.
Denn das Leben in seiner Absichtslosigkeit zeitigt eben Spuren, hinterläßt seine Kratzer. Überall. Da ist die Patina an einer Schuppentür. Das Moos an der Nordseite eines Baumes. Die Kratzer auf einem Küchentisch. Banale Spuren? Ja und nein. Banal, falls wir das Leben als banal empfinden. Interessant und erzählerisch - oft auch ästhetisch schön - sind diese Spuren jedoch, sobald wir beginnen, in ihnen Geschichten zu finden und zu lesen.

Diese Geschichten handeln von Benutzung und Verwandlung, das Material verändert sich, formt sich zu Intarsien von Arbeit und Alltag. Wir können dem eine Authentizität und Sinnlichkeit des Lebens abgewinnen, die bereichert. Und genau hierfür stehen die Bilder von Claudia Spielmann.

Sie sind angefüllt mit Chiffren und Belegen, und sie verbinden diese scheinbar alltäglichen Formen und Spuren mit einer ungemein sicheren kompositorischen Phantasie und mit gefühlvollen Farb-Verbindungen.

So erschaffen diese Bilder etwas Neues, etwas Eigenes. Das vielen zugänglich ist, das auf Austausch bedacht ist, sich öffnen will. Wie eine Durchreiche.

IV. Wiederkehr des Gefühls

Das Material wird dabei in Claudia Spielmanns Malprozess befreit von allen Konventionen. Alles kann und soll miteinander klingen, alle Kombinationen sind möglich: Pigment, Tinte, Kohle, Sand, Wachs, Asche, Öl, Holz, Bleistift, Papier. Das Material ist nicht nur Mittel, sondern auch inspirierender Gegenstand der Gestaltung. Das Material wird auch nicht in eine Form gezwungen, sondern vielmehr dazu verführt. Eingeladen - wenn man so will. Zu größtmöglicher Entfaltung aufgefordert.

Die Kunstrichtung, unter der die Kunstgeschichte diese Form von Malerei einordnet, heißt Informel. Diese Richtung entstand in einer Zeit, da man nicht zuletzt lernte, dem Augenschein zu mißtrauen, da man lernte, mit der Abstraktion zu leben und, als Folge davon, die emotionale Wahrheit hinter dem Sichtbaren zu suchen und dafür neue Ausdrucksmöglichkeiten zu erschließen.

Nun ist die Kunstgeschichte für Claudia Spielmann weder Bürde noch Fundus, den sie plündern will. Künstler wie Antonio Tapies, Franz Kline, Emil Schumacher, der japanische Kalligraph Yu-Ichi oder der New Yorker Jean-Michel Basquiat, sie alle haben Claudia Spielmann manchen Fingerzeig gegeben. Aber den Weg findet sie allein.

Vertrauend auf ihr Freude an Bild-Spuren, vertrauend auf ihre Heikligkeit gegenüber einfachen, platten Bild-Lösungen, vertrauend auf ihr Balance-Gefühl. Der Leser wird merken: Das Wort Gefühl taucht häufig auf. Nicht von ungefähr heißt diese Ausstellung im Untertitel: Von der Wiederkehr des Gefühls.

Denn wir wollen, nicht zuletzt im neuen Jahrtausend, etwas Neues beginnen. Vielleicht ist es ja höchste Zeit, dass wir - als Gesellschaft und als Individuen - das Gefühl neu entdecken. Vielleicht ist es höchste Zeit, die emotionale Erosion der Gesellschaft, die in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren stattfand und ablesbar ist an einer bisweilen verkühlten Konzeptionalisierung von Kunst, zu stoppen. Und vielleicht sind Künstler dazu etwas mehr als andere berufen, diese Umkehr einzuläuten, anzuführen.

Ich mag die Art, wie Claudia Spielmanns Malerei Gegen-Bilder schafft. Ich mag die Geschichten, zu denen mich ihre Malerei verführt, die mir Einlaß erleichtern in Stimmungen und Gegenden, in die ich mich sonst seltener begeben würde. Oder noch anders: Ich mag die Durchreichen, die sie malt.

Peter Borchardt, im Februar 2000
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