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Gesine Rothmund
 




'Mitten im Leben'

Bemalte Holzskulpturen   
14. April - 21. Mai 2000

Einführung: Ursula Herrndorf

Sie sind nun schon eine Weile durch die Ausstellung spaziert und haben sich mit der einen oder anderen Skulptur bekannt gemacht. Mit der Sinnenden vielleicht, die dort in sich zusammengekauert das Kinn auf die Hände stützt. Oder mit der Neugierigen, die fast von ihrem Sockel rutscht, so sehr renkt sie den Oberkörper nach vorne. Oder waren es diese merkwürdig lebensnahen Wesen, die Ihnen die Hand gereicht haben? Fast könnte es so sein. Die Figuren von Gesine Rothmund scheinen in einer momentanen Regung bloß erstarrt. Ein Dornröschenschlaf, aus dem sie jeden Augenblick aufwachen könnten. Und so, wie der Koch im Märchen dem Küchenjungen nach hundert Jahren endlich eine knallt, würde die schüchtern-kokette Dame dort vielleicht ihren Arm hinter dem Rücken hervornehmen und mit einer gezierten Geste von ihrem Sockel steigen.

Reine Phantasie. Dennoch, diese Figuren führen ein Eigenleben. Und ihre herausfordernde Gegenwart macht es uns kaum möglich, nur leicht beeindruckt an ihnen vorbeizuschlendern. Woran liegt das? Bloß daran, dass es Menschenbildnisse sind und sein eigenes Abbild den Menschen immer noch am meisten fasziniert? Vielleicht, aber einer in kühlen Marmor gehauenen Schönen schenken wir womöglich weniger Beachtung. Und auch die Verzerrung ins Rohe, Hässliche, Abgründige - wie sie etwa in den Holzskulpturen von Baselitz vorkommt - lässt bei allem Erschrecken doch Abstand zum Kunstwerk zu. Gesine Rothmund dagegen provoziert Identifikation und konfrontiert uns zugleich schonungslos mit einem Spiegelbild, das keineswegs nur angenehm ist. Sehr widersprüchliche Gefühle regen sich beim Anblick dieser ebenso sensibel wie schroff gestalteten Figuren: Nähe und Ekel, Sympathie und Scham, Mitleid und Häme. Die Distanz ist aufgehoben. "Meine Figuren”, sagt die Bildhauerin, "sollen ein wirkliches Gegenüber sein.” Deswegen verzichtet sie auf jede mögliche Barriere zwischen Kunstwerk und Betrachter. Als erstes und offensichtlich auf die der Bekleidung. Die Figuren sind nackt. (Obwohl der Schicklichkeit halber eine schützende Umhüllung manchmal angemessen erscheint. Aber dazu gleich mehr). Genauso fehlen unsichtbare Grenzen. Gedankenballast etwa, der die Begegnung ihrer Unmittelbarkeit berauben könnte. Keine Metapher, keine Allegorie, kein Idealbild ist hier verkörpert, sondern schlicht der Mensch in seiner alltäglichen Verfassung. Viele der Figuren meinen wir zu kennen, so individuell sind ihre Gesichtszüge. Und doch stellen sie einfach Allerweltsmenschen dar, in denen sich Empfindungen des Augenblicks spiegeln.

Indem Gesine Rothmund weder interpretiert, noch urteilt bekundet sie ihre Nähe zum Realismus. Nur selten tragen die Figuren expressionistische Merkmale. Und dann meist in der Bemalung. Blutrote Hände hat jene verzeifelt-sehnüchtig blickende Frau bekommen. Und ein hysterischer roter Fleck ziert ihre Wangen. Überhaupt weist die Gruppe der Wärmflaschenfreunde noch die meisten Bezüge zum Expressionismus auf. Bewegung kennzeichnet die auf hohen Sockeln thronenden Figuren. Und die roten Wärmflaschen, auf denen sie sitzen, erscheinen aus einigen Blickwinkeln den Körpern zugehörig. Bei den anderen Figuren bedeuten Gummistiefel Gummistiefel und Ostereier Ostereier. Weiter nichts. Und auch Farbe setzt die Bildhauerin sonst sparsam und gezielt ein. Betont mit ihr Schattenflächen und präzisiert die Gesichtszüge.

Hier lässt sich einflechten, warum ein schamhafter Betrachter Bekleidung der Blöße der Figuren vorziehen würde. Keine der dargestellten Personen scheint von ihrem Körper Notiz zu nehmen. Geschweige denn, sie würde ihn bewusst präsentieren. Sie lassen ihre Bäuche hängen oder wippen mit vorgekreuzten Armen unbemerkt eine Brust keck nach oben. In den Gesichtern spiegelt sich andererseits Skepsis, Neugierde, Offenheit, Schalk und oftmals eine tiefe Selbstversunkenheit so wahrhaftig, dass man leicht das Gefühl bekommt, beim Betrachten die Sphäre des Privaten zu verletzen, die Integrität der Menschen zu stören. Der Betrachter wird zum Voyeur. Und genau das ist es, was Gesine Rothmund beabsichtigt. Während die Bildhauerin einfach nur das Schöne wie das Hässliche, die Makel und Vorzüge gewöhnlicher Menschen in Holz modelliert, sind wir es, die uns daran gütlich tun. Und vielleicht selbstgefällig über Kugelbäuche und Hängebusen zu lästern geneigt sind. Wie Gesine uns den Schwarzen Peter zuschiebt - das ist fast ein bischen gemein. Und dann setzt sie noch eins ‘drauf und zeigt in der Figurengruppe mit den Gummistiefeln, welche Figur so ein Ausstellungsbesucher beim Betrachten von Kunst macht: Die Hände auf dem Rücken, die Beine brav zusammengestellt beäugt er mit vorsichtig vorgeneigtem Oberkörper und einem missmutig-forschendem Blick das ihm Dargebotene.

Mit verblüffender Treffsicherheit hat Gesine Rothmund diese wie andere Gesten in Holz gehauen. Und grob noch dazu. Trotzdem ist alles präzise erfasst. Kaum zu glauben, dass ihr liebstes Werkzeug die Kettensäge ist. Doch sie beteuert, nur wenige Teile mit feinerem Handwerkszeug wie Spatel und Hammer zu bearbeiten. Zum Zwecke der Lichtführung glättet sie auch mal das Holz, etwa am Oberschenkel oder an der Schulter einer Figur. Schattenpartien dagegen bleiben rauh. Von weitem glauben wir so fast den Schimmer der Haut wahrzunehmen.

So selbstverständlich diese Figuren jetzt den Raum bevölkern, so faszinierend ist die Vorstellung ihrer Entstehung. Vergegenwärtigen Sie sich das Rohmaterial: Kolossale Abschnitte von Baumstämmen mit widerborstigen Astlöchern und eigenen Ansichten darüber, wo sie sich beim Trocknen spalten möchten. Aber die junge Bildhauerin beherrscht ihr Metier. Sie sieht, wo das Holz aufreißen könnte, und welcher "Baum” für welche Figur geeignet ist. Ein ordentlicher Vorrat von Stammsegmenten in wuchtigen Ausmaßen lagert in ihrem Atelier. Mindestens zwei Meter lang müssen sie sein und einen Durchmesser von 1,50 haben. Ansonsten nimmt die Bildhauerin alles, was freundliche Mitarbeiter der Gartenbaubehörde ihr bringen: Buchen, Pappeln, Ahorn, Eiche - "Nur Masse zählt”, sagt diese zierliche Frau. Geschickt hantiert sie mit Gabelstapler und Flaschenzug, um die Stämme zu bewegen. Und Masse ist es auch, die ihre Figuren kennzeichnet. Schwere Körper, breite Hüften, üppige Schenkel besitzen ihre Männer und Frauen. Betont noch durch die schmalen Schultern, die alles Gewicht in den Rumpf geschickt haben, so dass einige wie willenlose Säcke ihren körper über die Sockel hängen lassen.

Karikatur? Übersteigerung? Nur wenig davon erscheint im Werk von Gesine Rothmund. Gerade soviel, was die Deutlichkeit des Ausdrucks verlangt. Aber nicht genug, um das Subtil-Menschliche in den Bereich der Satire kippen zu lassen. Sehr wohl ausgestattet mit Witz, bewahrt die Bildhauerin ihre Figuren doch vor Lächerlichkeit. "Ich will, dass die reine Menschlichkeit Skulptur wird”, sagt sie. Deshalb lässt sie die Proportionen so wie sie sind, greift nicht zu den üblichen Kunstgriffen der Überlängerung von Gliedmaßen oder der Verkleinerung von Köpfen. Und damit "die Figuren in ihren Körpern bleiben” - wie die Künstlerin es ausdrückt - ist die Bewegung, die Geste rechtzeitig vor expressiver Übersteigerung gestoppt.

Gesine Rothmund beobachtet, sie kommentiert nicht. Die Skulpturen sind da - das genügt. Und wenn sie Gummistiefel tragen oder auf Wärmflaschen sitzen, so betont das nur ihre Gegenwart im Hier und Jetzt. Und verpasst der Melancholie, die manchmal aufscheint, einen Schuss Humor. Denn, so die Bildhauerin: "Kunst soll ja auch Spaß machen.”

Hamburg, 14.4.2000

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