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Rik van Iersel
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'No Words Today'

Bilder und Zeichnungen  
8.9.2000 - 21.10.2000

Isabel Hoffmann: Auf der Suche nach der Seele

‘No Words Today’ – haut ab, hier gibt es nichts zu holen, scheint der Kopf mit dem aufgerissenen Maul und der Blutspur im Gesicht zu sagen. ‘Ich rede nicht. Und ihr, ihr armseligen Gaffer, seid doch schon lange unfähig, miteinander zu sprechen.’ Wie der Aufschrei eines zornigen Kindes prallt uns dieses Comic entgegen. Mit einem Schlag offenbart sich die ganze Verzweiflung eines Individuums, verdichtet sich die ohnmächtige Wut über die Sprachlosigkeit unserer Gesellschaft in zwölf Buchstaben und ein paar ungebändigten Linien und Farbspuren. Hier, das spürt man auf den ersten Blick, stemmt sich einer mit aller Kraft gegen Gleichgültigkeit, Egoismus und Koventionen. Mit Bildern, die wie Boxhiebe in den Magen treffen, Herz und Hirn attackieren und Worte - fast - überflüssig machen. Denn in der Tat: Der Geschichtenerzähler Rik van Iersel liebt Worte nicht besonders. Sie sind starr, fest. Viel zu eng, um das auszudrücken, was er sagen will. In einem einzigen Bild fasst er die ganze Welt – wie könnten Worte der Komplexität seines diskursiven Denkens da gerecht werden? Nur die Zeichen-sprache, die irrationalen, zu rätselhaften Vexierbildern verdichteten Figuren und Signale entsprechen seiner assoziativen Erzählweise. ‘Ich zeichne das Leben’, sagt der Autodidakt. ‘Das Chaos ist der Brunnen, aus dem ich schöpfe.’

Es sind vor allem die düsteren, negativen Seiten des Lebens, die van Iersel aus diesem Chaos herausfiltert. Er entwirft die Welt als Irrenhaus, in dem der Wahnsinn regiert. Aggressionen, Ängste, Qualen, Schrecken – vor allem immer wieder Vanitas-Visionen nehmen in den leuchtend hellen Fratzen böser Geister und Dämonen Gestalt an. Verbinden sich zu anarchischen, der Traumlogik folgenden Bildergeschichten, deren bezwingende visuelle Kraft in einem unverbrauchten, kostbar bewahrten Stück Kindsein liegt. ‘Alle Kinder haben diese Kraft. Nur ich hatte das Glück, sie nicht aberzogen zu bekommen’, bekennt der Holländer, dessen größte Angst es ist, diese Spontaneität zu verlieren.

Nie hat er ein bestimmtes Bild vor Augen, wenn er sein tägliches ‘Ritual’ im Atelier aufnimmt. Erst, wenn die ‘leere Ecke’ im Kopf gefunden ist, oder – wie Freud sagt – wenn der Künstler die Kontrolle des Ich an die spielerisch-willkürliche Gestaltung des Es abgibt, erst dann erwachen die Ungeheuer, die im kollektiven Unbewußten ihren Ursprung haben: Menschen, Tiere, Augen, Köpfe, Körperteile, Masken, Münder, Totenschädel, Kreuze, Pfeile. Ein ganzes Arsenal an Archetypen, mythischen Wesen, Zeichen und Symbolen scheint in seinem Inneren zu schlummern. Wenn es gut läuft, brechen sie ungeschlacht und vehement wie aus einem speienden Vulkan aus ihm heraus. ‘In Punkto Automatismus bin ich surrealer als die Surrealisten’, sagt Rik van Iersel und lacht: ‘Erst schießen, dann sprechen.’

Die Ergebnisse des hochkonzentrierten Schaffens erlebt er selbst ‘wie ein Geschenk nach einem langen Improvisations-prozess’. Was dabei herauskommt, verwundert ihn mitunter ebenso wie die Betrachter: ‘Egal wie spontan ich auch arbeite – irgendwie entstehen immer Köpfe.’ Auf einigen Blättern ist der Kopf auf den Mund reduziert, auf eine mit scharfen Zähnen martialisch bewachte Öffnung. (Nach dem Glauben indianischer Kulturen entweicht die Seele der Toten durch den Mund). Auf anderen Blättern erscheinen gespenstische Schädel mit verzerrten Proportionen und weit aufgerissenen Mündern – als habe van Iersel auf der Suche nach der Seele gleich einem Pathologen die äußeren Schichten abgetragen, um in das Innere vorzudringen. In ‘No Words Today III’ blicken uns zwei Köpfe entgegen. Präziser: zwei Kopf-Chiffren auf gelbem Grund. Ein rot-weisser Spiralkopf zur Linken, ein rot-gelber Spiralkopf zur Rechten. Rauchwolken scheinen aus dem linken Kopf herauzukommen – als qualme das Gehirn vor lauter Anstrengung, mit dem rechten Kopf in Kontakt zu kommen. Pfeile weisen darauf hin. Doch der zweite Kopf sitzt fest, wie von einer Schraubzwinge umklammert, zwischen sechs dicken Balken. Gefangen im eigenen Gedankenkreis. Eingeschlossen. Ausgeschlossen. Kommunikation zwecklos. Oder nicht? Ist die Spirale nicht auch das Symbol der Schöpfung, der permanenten Erneuerung? Und leuchtet zwischen den Gitterstäben nicht helles Blau als Hoffnungsschimmer? ‘Möglich’, sagt Rik van Iersel lakonisch und trifft damit den Kern der Sache: Wie alle gute Kunst verweigern auch seine Gemälde, Gouachen und Zeichnungen die Eindeutigkeit. Glaubt man sie zu fassen, so entziehen sie sich wieder oder verwandeln sich unversehens in das Gegenteil: Der Täter wird zum Opfer, der König ist auch der Narr, Gott ein Cowboy. Liebe und Hass, Freude und Trauer – van Iersels Reich ist ein ganzheitliches. Widersprüche sind aufgelöst in einer visuellen Logik, die weit über die gedankliche hinausweist.

1961 in Maastricht geboren, in Eindhoven aufgewachsen, sog der Holländer die Kunst gleichsam mit der Muttermilch ein. Der Vater Maler, die Mutter Malerin, die Freunde der Familie Maler, Musiker – und Comiczeichner. ‘Ich bin durch und durch ein Visualist. Meine geistige Nahrung waren immer die Bilder um mich herum’, sagt van Iersel. Und wie zum Beweis heften sich seine freundlichen blauen Augen wie Saugnäpfe auf sein Gegenüber.

Denkt er an seine Kindheit zurück, so hat er einen eigensinnigen, introvertierten Außenseiter vor Augen, der lieber allein in seinem Zimmer sitzt und Dutzende winziger Zettel über und über mit Figuren bekritzelt, anstatt draußen mit den anderen Jungs Fußball zu spielen.

Die Erkenntnis, mit Linien, mit Zeichnungen etwas erzählen zu können, faszinierten das Kind ungeheuer. Wie besessen überschwemmt der Junge die winzigen Formate mit seinem grotesken Mummenschanz. Zigtausende schwarz-weisser Zeichnungen entstehen in wenigen Jahren. ‘Ich wollte immer ein Comic-Zeichner werden’, sagt van Iersel lächelnd, ‘nur für die Sprechblasen gab es oftmals keinen Platz mehr.’ Farbe spielte anfangs noch keine Rolle, sie interessierte ihn einfach nicht. Das änderte sich, als er im Alter von 13 Jahren eine von Dubuffets expressiven Kühen sah: ‘Diese Kuh war wie ein Schock für mich. So groß, farbig, humorvoll. Ich spüre heute noch ihre Kraft.’

Nur zwei Jahre nach diesem Schlüsselerlebnis bricht der Sonderling, knapp 15jährig, radikal mit dem System, in dem er so schlecht funktionierte. Verläßt Schule und Elternhaus, zieht in die Stadt in eine Wohngemeinschaft und macht mit Freunden, darunter bekannte Jazzmusiker, Musik: Pop, Rock, Freejazz, Funk, Punk. Der wüste, rebellische Hammerbeat der subkulturellen Jugendbewegung, die sich Mitte der 70er Jahre weltweit gegen das Establishment und jede Form der Kommerzialisierung stellte, ist seine Musik. Endlich kann sich die innere Aufruhr, die bislang nur eine optische Entsprechung fand, auch akustisch entladen. Der pulsierende Rhythmus der Drums wird zur kongenialen Ergänzung der Comics, ist ebenso heftig, energiegeladen und unangepaßt. Lange Zeit zweifelt van Iersel, ob er nicht lieber Musiker werden soll. Er ist Teil der Szene geworden, ein ‘Junger Hund’ (so der Name seiner Band), der sich irgendwie durchschlägt. Wie, das weiß er selbst nicht mehr so genau. Drei bis vier Abende die Woche Auftritte als Schlagzeuger mit der Band, nebenbei entstehen Poster-Entwürfe für die Jungendzentren, in denen er spielt. Die Zeichnungen kommen an, sie treffen exakt das Lebensgefühl der ‘No-Future-Generation’. Die ersten Galerien werden auf ihn aufmerksam.

Irgendwann später zeigt ihm jemand die energiesprühenden, sozialkritischen Graffiti-Bilder des früh an seinem Ruhm und einer Überdosis Heroin verstorbenen New Yorker Wunderkindes Jean-Michel Basquiat (1960-1988), und van Iersel erkennt schlagartig, daß er auf der anderen Seite des Ozeans einen Bruder im Geiste hat. Die Übereinstimmungen sind in der Tat verblüfend, inhaltlich wie biographisch: Beide stammen aus dem Mittelstand, beide werden von klein auf künstlerisch gefördert und gebildet (Basquiat war bereits als Sechsjähriger Mitglied im Brooklyn Museum). Beide verweigern eine akademische Ausbildung und beginnen ihre Karriere als fester Bestandteil der Subkultur. Selbst die geistigen Väter sind die gleichen: ‘Wenn Cy Twombly und Jean Dubuffet ein Baby hätten, wäre es Jean-Michel. (Er besitzt) die Eleganz von Twombly... und die Roheit des jungen Dubuffet’, schrieb René Ricard. Der New Yorker Kunstkritiker kannte Rik van Iersel nicht, er hätte sonst zweifellos von zwei ‘Babies’ geschwärmt. Hier wie dort die gleiche Mischung aus Höhlenpiktogrammen, wilden Farbfeldern und Wortfetzen. Hier wie dort Zeichenexzesse voller Melodie, Fragilität und Herbheit, in denen sich die mannigfaltigsten Bezüge quer durch die Kunstgeschichte herstellen lassen. Nur die Wurzeln sind andere und damit die thematischen Schwerpunkte. Kämpft der Afroamerikaner Basquiat mit seinen Graffiti-Statements an den Galeriewänden Sohos gegen Rassismus und Unterdrückung, so philosophiert van Iersel über ‘die Banalität’ seines Lebens. Individuelle Befindlichkeiten, Gefühle und Alltagseindrücke finden in den Figurationen ihre konkreten Entsprechungen.

Schon Karel Appel, Friedensreich Hundertwasser, Paul Klee, A.R. Penck, Wols (um nur einige Namen aus der Ahnengalerie zu nennen) suchten den reinen, unverbildeten Ausdruck, wie man ihn in Kinderzeichnungen, der Kunst Geisteskranker oder prähistorischer und folkloristischer Malerei findet. Niemand verinnerlichte diesen Anspruch vor ihm so absolut wie Jean Dubuffet und Cy Twombly. Doch sie allein genügen ihm nicht als Bezugsgrößen: ‘Ich habe die ganze Kunstgeschichte, die ganze christliche Ikonographie im Gepäck.’ Das mag merkwürdig klingen für einen ‘Comic-Zeichner’, der im Untergrund groß wurde, doch Rik van Iersel ist alles andere als ein Parzival der bildenden Kunst. So unakademisch und unmittelbar seine Arbeiten auch wirken, das Atelier gleicht dem Labor eines Alchimisten, in dem Kunstzeugnisse aller Zeiten und Länder auf ihre Eignung als Ingredienzen zur Erzeugung zeitgenössischer Mythen analysiert werden: Afrikanische Plastiken, mexikanische Masken, Kunstpostkarten von Frida Kahlo über Miro und Munch bis zu Picasso und russischem Agitprop. ‘Mein visuelles Futter’, sagt der Künstler. ‘Das ist mein Hintergrund, meine Familie, ohne die ich nicht funktioniere. Alle Kunst ist Wiederfinden.’

Wie universal der Fundus ist, aus dem er schöpft, zeigte sich schon Mitte der achtziger Jahre in den Tagebüchern und Comicbooks, die nach einer ausgedehnten Mexikoreise entstanden. Zitate aus Goyas Schreckensbildern sind hier mit den Götter- und Tiergestalten präkolumbianischer Mythologie collagiert. Die Auflösung der herkömmlichen Optik, die Rhythmik, mit denen Einblendungen, Schnitte, Close ups oder Zeitlupen-Abläufe strukturiert sind, beweisen ebenso ausgeprägtes filmisches Denken, wie starke Musikalität. Film und Musik sind in der Tat zwei entscheidende Stimulanz-faktoren für den 39-jährigen, der heute zu den aufregendsten zeitgenössischen Künstlern Hollands zählt. ‘Bach, Hindemith, Frank Zappa. Ich höre ständig Musik beim Malen. ’Indirekt fließen immer wieder Kompositionsprinzipien in Ölgemälde und Assemblagen ein – Schönbergs Zwölf-Ton-Musik ebenso wie die experimentellen Kompositionen Edgar Vareses.

Van Iersels Zugriff ist bei den großformatigen Bilderschreinen ein ganz anderer, als bei den spontanen Zeichnungen: Sie wachsen über Jahre, werden immer wieder übermalt oder ergänzt, ständig aufs Neue reflektiert. Die Tendenz in den jüngsten Arbeiten jedoch, das ist in dieser Ausstellung deutlich ablesbar, geht wieder zurück zu den triebhaften, lustvollen Ursprüngen seiner Kreativität. Zur kindlichen Faszination an der puren Linie. In den ‘Comics’, die geradewegs aus dem Bauch in die Welt gespuckt werden, vergegenständlicht sich van Iersels Philosophie in ihrer reinsten Form: ‘Ein Bleistift und ein Blatt Papier sind genug, um ein Wunder zu schaffen.’ Oder, wie Jean Dubuffet sagte: ‘Die Kunst ist ein Spiel – das Spiel des Geistes, das edelste Spiel des Menschen.’

Isabelle Hofmann, Hamburg, 2000

© s. Impressum



RIK VAN IERSEL
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