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Helge Leiberg
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"Zwischen Sprung & Fall"

26.3.99 - 6.6.99

Dr. Dietrich Mahlow eröffnet die Ausstellung „Zwischen Sprung & Fall“ von Helge Leiberg in der Galerie Peter Borchardt, Hamburg

Alles voller Bewegung – meist auf weißem Grund, aber auch auf Rot und Gelb. Ich erinnere mich an die letzten Bilder von Wilhelm Busch, die ich heute im Altonaer Museum gesehen habe: alles in Bewegung: Äste, Bäume, Blätter, Rasen, Hügel, Wolken und selbst der blaue Himmel sogar! Die moderne Kunst brachte die Sprache in Bewegung: „les mots en liberté“ - und die Geometrie: manchmal fast bis zur Auflösung geometrischer Formen. Die E

xpressionisten brachten die Farbe in Bewegung - und die Künstler der neuen Sachlichkeit bewegten die Moral ins Bordell. Und 1960 erschien „Movens“, mit Höllerer und De la Motte, herausgegeben von Franz Mon: gemeint war die Interaktivität zwischen Literatur und Musik, Poesie und Schrift als Ideogramm - und heute Abend hier ist Ludwig Wilding, vor dessen Bildern wir immer in Bewegung geraten.

Das „Ideogramm“ bringt mich zu Helges Titel „script“, und auch „im Dreieck springen“ - und besonders seine „Chinareisen“: Ideogramme zwischen „Sprung & Fall“: zwischen Sprung und Fall wohnt das Leben! zwischen Chaos und Ordnung lebt die Liebe!

Sind seine Ideogramme Gedankensprünge? Geistesblitze? neue Gedanken einer anderen Philosophie? nein, keine bestimmten Inhalte! Helge Leiberg führt uns nicht zu neuen „Gedanken“, sondern „Sprung & Fall“ sind Zeichen für die Strukturierung der Möglichkeiten, das Denken immer wieder von neuem zu öffnen - und wie sehr brauchen wir das! Immer wird das Denken anders sich bewegen: gerade bekam ich Derridas Buch über Lévinas „á Dieu!“. Immer wieder Adieu! - und dann bin ich wieder da.

Vielleicht kennen Sie Hildesheimers „Marbot“: „...wer glaubt, immer neue Erfahrungen machen zu können, der täuscht sich; es sind immer die gleichen: signifying nothing!“ - welch ein Irrtum! Hat er keine Kunst erlebt? Es geht in der Kunst nicht um rationales Denken, es geht nicht ums Geld, sondern um ein erfülltes Leben: immer mit Widerspruch und Freude, mit Liebe und Verlust, Sprache und Poesie, Musik und Bild.

Helge Leiberg setzt die Kraft des Lichtes um in Bewegung des menschlichen Körpers, denn aus dem Licht kommen alle Kräfte! (bei Helge kommt Licht aus dem meist weißen Hintergrund, aber auch aus den Farben rot und gelb). Es ist das Licht, das den Menschen in Bewegung bringt. Durch „Sprung & Fall“ baut sich der Geist in vielfachen Bewegungen einen Körper - und das Licht mit all seinen Kräften wird sein wichtigstes Organ - und der Kopf, der bei ihm oft wie eine Explosion wirkt: Helges Kopf schreibt seine Idiogramme als Zeichen des bewegten Lebens: des zwischen Chaos und Ordnung bewegten Lebens: eine Schrift der ursprünglichen Kräfte.

Da leuchtet die Kunst - und die in ihr enthaltene Energie fährt aus. Die Grenzen der Wahrnehmung erweitern sich: jede Nacht vor Tagsanbruch schlägt der Hahn Alarm... Ich glaube, sagt Jiri Kolar, daß jeder schöpferisch Tätige eines Tages nolens volens vesuchen muß, das herbeizuführen, was man einen Umsprung nennt.

Helges Sprünge: Bilder einer Sehnsucht - und der Auseinandersetzung mit der Unmöglichkeit, ihr nachzugeben - Deshalb - was das Licht betrifft - : Vergiß niemals, daß am Himmel deines Lebens du allein die Sonne bist, du dir selbst das Licht gibst.

Die Linie führt das Denken: aber nicht die geometrische Linie allein, sondern die aus dem lebendigen Geist und Körper entspringenden Linien. In seinen Bildern „Im Dreieck springen“ bringt Helge das mathematische Denken mit ein - und setzt es gleich wieder außer Kurs: tanzt mit ihm! Ich ändere den Titel in „Mit dem Dreieck springen“: mit Kopf und Hand durchbricht er den Kreis und tanzt mit dem Parallelogramm, sodaß dem ganz schwindlig wird -

Macht er sich lustig über die Geometrie? Er schreit die geometrischen Formen an: „springt mit mir!“ - und wie Hunde laufen sie um ihn herum, denn springen können sie nun mal nicht: hier hat Marbot recht.

Und was ist mit den Bildern der „Chinareise“? oben: tanzen sie Mitte: sie sitzen, aber zwischen ihnen tanzt die Unruhe weiter unten: die einen springen, einer sagt „Halt!“ und der links: alles dreht sich in ihm - unten: das Unendlichkeitszeichen

Chinesische Schrift-Zeichen: wie werden sie gelesen? In Gefühle und Gedanken kann beim Lesen die persönliche Erfahrung mit eingebracht werden (nicht bei sachlichen Fakten). Lesen ist kein Ablesen wie bei unseren Alphabetsprachen. Um 1900 soll es in China 32 Sprachen gegeben haben - und eine Schrift; heute sollen es noch 7 sein. Wenn ein Nord-Chinese einem Süd-Chinesen dort begegnet, kann er nicht mit ihm sprechen, aber wenn er ein Zeichen in den Sand oder auf Papier bringt, dann versteht es der andere sofort und antwortet ebenfalls auf diese Weise. Das erste Zeichen, das ich kennenlernte, wurde von Bruder und Schwester im selben Dorf verschieden ausgesprochen: er sagte: der Herbst dauert diesmal sehr lange - und sie: der Winter beginnt diesmal sehr spät.

Immer „Zwischen Sprung & Fall“: Helge Leibergs Menschen sind bodenlos, würde Vilém Flusser wohl sagen. Sind wir es nicht alle? oft ohne Basis, besonders jetzt die jungen Menschen? ohne letzten Halt? - aber voller Kräfte! Wie oft tanzen wir um das goldene Kalb! (siehe Helges „Gold-Zeichen“) statt - ja was? - statt unseren Geist zu bewegen durch die Bewegung unseres Körpers - besser noch: durch die Kunst!

Aber ich will nicht mit der Kunst-Tür ins Haus fallen - wie die Äpfel von den Bäumen fallen nein! aber für alle Fälle, von Fall zu Fall mache ich einen Kniefall (nicht vor Ihnen), und wenn ich Durchfall habe, nein: das ist ein Ausnahmefall, ein Notfall - wie es der Zufall so will.

Aber es gibt Glücksfälle: wie sich Glück und Fall verbinden: - auch mit dem Trauerfall und dem Todesfall - Da fällt mir ein das Würfelspiel: der Würfel fällt und - ? Aber das hier ist: ist sein Fall, ist Helges Fall - und ist auch unser Fall!

Und der Sprung? Im Jahre 1085 sprang Graf Ludwig vom Turm, in den er gesperrt worden war, weil er den Pfalzgrafen Friedrich III. ermordet hatte und seine Frau Adelheid und ihr Geld als neuer Herrscher an sich gebracht hatte. Nach der Verurteilung sprang er vom Turm - und entkam - dieser gierige Hund! leider! denn Machtgier und Geldgier dürfen nicht siegen! Der Sprung: vom Schachspiel-Sprung - zum Tanzen vom Pferdesprung - zum Herzen: mein Herz geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein - ist voller Freud und Singen sieht lauter Sonnenschein

ha - die wilden Sprünge in deinen Worten, Dieter: komm zur Sache! - und was ist die Sache?? die Liebe natürlich! „Über deine Gartenhecke spring ich - hops! - mit einem Sprung“ (Goethe:) „mit 1000 Schritten machts die Frau, doch wie sie auch sich eilen kann, mit einem Sprunge macht´s der Mann.“ Goethe kannte Helge noch nicht! - und nicht die moderne Kunst, obwohl er damit in gewisser Weise anfing, mit seiner Farbenlehre und danach: er hielt sie - neben dem „Faust“ - für sein größtes Werk, aber keiner erkannte es damals an, und es ging verloren - bis heute - nun strahlt es wieder.

Helge ist hellwach: er zeigt uns die Freiheit des Künstlers: die Freiheit als Bedingung für die Entfaltung auch unserer Wahrnehmungs- und Vorstellungskraft. Er spielt uns vor, was in unserem Körper steckt - und im Kopf!, was man mit ihm machen kann, was er mit uns machen kann, wie wir uns in den Körper verlieren, wie wir durch ihn gewinnen können, wie wir uns verfahren und wie wir uns finden können: im Sprung der bildnerischen Sprache!

Wenn du vom eingleisigen Denken weg kommst, vom Festhalten an der Dummheit nur statischen Wissens dich befreist - dann gerätst du hinüber in das Offene.

ja, Helge, ich bin nicht einverstanden mit mir nein Helge: ich bin einverstanden mit Dir manchmal fliegst Du mit mir: dann fliegen die Körper und werden Zeichen - und fallen - nie sind es nur Striche, immer machst Du aus Linien Fragen, die ans Herz klopfen! - oder im? ja, im!

Was wir Leben nennen, springt aus uns heraus, spricht mit anderer Zunge - und erst im Sprung wissen wir von uns. Sind wir ein vernunftbegabter Zufall? Geschöpfe des Widerspruchs? zwischen Sprung und Fall? springend, denkend stürzen wir in imaginäre Höhen und Tiefen. Stets ist das Leben anders, besitzt tausenderlei Gestalten - und keine, bewegt sich nie - und steht nie still, wird geboren um zu sterben, und wird im Tod geboren. Ist die Kunst unsterblich? frag sie nicht!

Ein großes Lob gebührt Peter Borchardt für Ausstellung und Katalog! ich schlage den Umschlag auf, doppelt auf - und erlebe im Zusammenhang der Bewegung eine Welt -

haben Sie Angst zu springen? sagen Sie es doch! - oder? Wechseln wir die Haltung! Helge wechselt auch - Sehen wir die Dinge anders, erleben wir die Welt als Bewegung unseres Geistes! wieviel Geist haben wir denn? Der Künstler Helge Leiberg hat mehr als man dachte.

© s. Impressum



HELGE LEIBERG
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