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Carsten Roth



'Substanz + Licht'


Manfred Sack [DIE ZEIT]
über Carsten Roth, Architekt


Ich erinnere mich, wie die fünf Juroren, deren einer ich im vorigen Jahr gewesen bin, in der Rentzelstraße 10 B um die Ecke bogen, und wie die enge Hinterhofstraße ihre Skepsis steigerte, aber auch ihre Neugier. Nein, keine Enttäuschung. Was sie sahen, empfanden sie als dermaßen wohlgeraten, daß sie es mit einem Preis belohnten. Sie prämierten die beiden Gebäude, die Carsten Roth mit seinen Mitarbeitern dort hergerichtet, in Wahrheit neu geschaffen hat. Das eine, an die fünf Stockwerke hoch, einer der ersten Stahlbetonskelettbauten aus dem Jahre 1911, enthielt ursprünglich eine Autofabrik, später alles mögliche; es wurde im Krieg demoliert, durch die Mietfirmen nach und nach gnadenlos ramponiert, bis ein neuer Bauherr das Haus erwarb und, ohne schon eine Vorstellung vom Ganzen zu haben, peu-à-peu und über lange Zeit hin erneuern ließ. Das gelang nur, weil die Architekten vom ersten Teilprojekt an ein Konzept im Kopf gehabt hatten, das für den störrisch dahinrumpelnden Um- und Ausbau taugte. Unterdessen hausen darin lauter kreative Leute, Raumausstatter, Photograph, Makler, Werbeagentur, die ihre verblüffend schöne, klare, originell gestaltete, einer geheimen Gestaltungsordnung gehorchende Welt offenbar schätzen. Den zweistöckigen Bau nebenan im Hof hat sich der Architekt selber zurechtgemacht: der Architekt Carsten Roth, dem diese kleine feine Ausstellung hier ja gehört.

Den BDA-Preis hatte er also für etwas bekommen, dem sich viele Architekten, fragte man sie, nur notgedrungen und möglichst nur nebenbei hinzugeben lieben. Sie halten es für attraktiver, gänzlich neue Gebäude von Grund auf zu entwerfen. So lernen sie ihren Beruf auch an unseren Hochschulen. So erklärt sich zugleich das unter ihnen verbreitete Ungeschick beim Umgang, den die Gegenwartsarchitektur mit alten Bauwerken (und demzufolge oft auch alter Umgebung) zu pflegen hat. Aber, nicht wahr: seit der Mensch baut, baut er beileibe nicht nur neu, sondern baut unaufhörlich um und baut an, stockt auf, bessert aus, erweitert und erneuert, verschandelt und verschönt, nicht zuletzt verwandelt er Altes in Neues und komplettiert Altes mit Neuem. Das ist eine der schwierigsten, nach klarem Geist und Fingerspitzengefühl zugleich verlangende Aufgabe. Auch Palladios Basilica in Vincenza stellt ja nichts anderes als den Umbau eines Palastes dar. Und nur seiner Einfassung mit Arkadenreihen ist denn auch ein Einfall zu danken, der seither als Palladiomotiv durch die Jahrhunderte geistert. Kurzum: alles Gebaute ist von dem Moment an, da es vollendet ist, schon wieder Gegenstand eines weiterlaufenden Prozesses, ein unablässig Anpassungsversuchen, Korrekturen, Ergänzungen, Nutzungsänderungen ausgesetzter Vorgang. Das ist mit Häusern wie mit Städten so, mit Landschaften und Gärten nicht anders. Weshalb genau dies, nämlich: etwas Existierendes sich sanierend, und das heißt selbstverständlich: der Gegenwart neu anzuverwandeln, gewissermaßen eine ewige Aufgabe ist. Ich kehre das nun nicht deshalb hervor, weil Carsten Roth und seine jungen Mitarbeiter bisher bloß noch keine Gelegenheit gehabt haben, ein vollständig neues Gebäude zu bauen –und weil eine solche Aufgabe in Gestalt einer Villa am Harvestehuder Weg sich dann leider doch zerschlagen hat. Gerade dieses Projekt wäre sogar eine Art von komplementärem Beispiel geworden: nämlich ein Haus neu zu bauen, sich dabei aber streng auf das nebenan existierende zu beziehen, vor allem in Maß und Proportion, und dabei auch zu zeigen, daß man der gängigen Moden nicht bedarf, um originell zu sein.

Das ist es ja auch, was diese jungen Architekten reizt: alte Gebäude, wie ramponiert, wie verbaut, wie unansehnlich oder wie banal auch, in neue zu verwandeln, neuen Nutzungen zugänglich und sie zugleich mit ihren An-, also Neubauten ansehnlich zu machen –dabei aber ihre Historie, das heißt ja auch die lausigen und ruppigen Spuren ihres Daseins nicht auszulöschen, sondern zu integrieren. Carsten Roth hat das einmal schön gesagt: die vorhandenen Gebäude und ihr nachbarliches Beziehungsgefüge würden von ihm genau "befragt". Er sagte: "Ich kann, was neu ist, nur begreifen, wenn ich auch künftig das alte darin spüre."

Das ist, übrigens, eine große intellektuelle Anstrengung –so wie das entwerfen im Atelier Roth überhaupt, auch das von Nebensachen, niemals mit links geschieht. Es wird da offenbar enorm viel nachgedacht. Willkür ist ebenso wie das, was der Zufall auftischt, verpönt –ob zum Nachteil oder Vorteil, das wissen sie nur selber. Als einer, der schreibt, jedenfalls, bin ich für alle plötzlichen Eingebungen dank irgendeinem als Zufall verstandenem Gedanken, besonders die späten, immer sehr dankbar.

Die Haltung, die sich da zu erkennen gibt, verlangt denn auch wie selbstverständlich nach logischer Schönheit und nach Vollkommenheit des Einfachen, auch des Sparsamen. Das Prinzip darin könnte man so skizzieren: Alles ist auszureizen, mithin bis ins Letzte durchzudenken; das einfache, oft vulgäre Material läßt sich durch kluge Behandlung und durch das Raffinement der Details kostbar machen. Praktisch heißt das: man bevorzugt Materialien und bestimmte Gegenstände, die es im Katalog oder als sogenanntes Halbzeug gibt und bisweilen für ganz anderen Gebrauch gedacht ist, aber man läßt es von Handwerkern manierlich bearbeiten und erreicht schließlich das, was Häusern oft den besonderen Reiz gibt: Es macht sie unverwechselbar. Man spürt den Kopf des Architekten, die Hand der Handwerker, und erkennt im Ergebnis eine strenge, ausgeklügelte Ordnung. In allen Nutzgegenständen, so könnte die Erfahrung lauten, schlummern Gestaltungselemente –und so könnte man den Gedanken fortsetzen: noch im Schäbigen, Unansehnlichen ist etwas Schönes verborgen; man muß es nur wecken. Beim Zusammenspiel von all dem, dem Nachdenken, dem Durchdenken, der Methodik des Entwerfens, der Auswahl der bescheidenen Mittel, ihres Charakters, ihrer besonderen pfleglichen Behandlung und ihrer Gestaltung, haben die Architekten letztlich vor allem eines im Sinn: den Raum, der dabei entsteht, seine Maßverhältnisse, seine Materialien und Farben, seine Musikalität, den sinnlichen Genuß, den er offeriert, und das Licht, das ihn erleuchtet, vor allem dies. Das war es ja auch, das Carsten Roth als Fulbright-Stipendiaten in Amerika zum lernen reizte: "Tageslichtführung im architektonischen Raum". Eine ungewöhnliche Spezialität. Aber es ist ja noch manches andere in dieser Biographie ungewöhnlich, nicht nur, das der Architekt, wie sein Kollege Peter Zumthor in der Schweiz, womöglich ein Musiker geworden wäre, sondern: von der TU Braunschweig zog es ihn nach sechs wohl nicht sehr genossenen Semestern an die gerühmte Akademie am Schillerplatz in Wien, in die Meisterklasse von Gustav Peichl. Und so geschah es denn auch, daß er sein Architekturbüro nicht ein Büro, sondern ein Atelier nennt, gegründet vor zehn Jahren. Alles das spiegelt sich auch in der Architektur, die daraus hervorgegangen ist. Sie ist nicht nach Zahl und Größe bemerkenswert, sondern allein durch ihre eigenwillige Qualität. Die Besucher dieser kleinen, feinen Ausstellung werden, hoffe ich, ähnliche Anwandlungen haben wie die BDA-Juroren, die, als sie voriges Jahr in die Rentzelstraße 10 B einbogen, große Augen gemacht hatten –so wie ja auch dann Christina Weiss, unsere Kultursenatorin, die das gebaute Doppel in der Hamburger taz "als ihr momentan meistgeliebtes Bauwerk" beschrieben hat.

Manfred Sack Hamburg, 1. November 1997
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